Erstmals gemeinsame Leitlinien für eine gesamte Branche - Chemie-Sozialpartner unterzeichnen Ethik-Kodex

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) haben sich auf einen Ethik-Kodex für die chemische Industrie verständigt. Mit der heute in Berlin unterzeichneten Sozialpartner-Vereinbarung gibt es damit erstmals für eine gesamte Branche gemeinsam formulierte ethische Grundsätze. An diesen neuen 'Leitlinien für verantwortliches Handeln in der Sozialen Marktwirtschaft' werden sich IG BCE und BAVC in ihrer künftigen Arbeit ausrichten. Die Chemie-Sozialpartner wollen so der Vertrauenskrise der Sozialen Marktwirtschaft entgegenwirken.

Maßstäbe für werteorientiertes Verhalten


Ziel der Vereinbarung ist, in der chemischen Industrie ein werteorientiertes, faires Verhalten zu fördern. Dazu beitragen soll ein Maßnahmen-Katalog, der unter anderem die Initiierung und Unterstützung von Dialogprozessen auf betrieblicher Ebene sowie die Gründung einer neuen Sozialpartner-Akademie vorsieht. Diese wird Schulungsreihen zu wirtschaftsethischen Themen vor allem für junge Betriebsräte und Führungskräfte anbieten.
 

Bundespräsident Köhler begrüßt Sozialpartnererklärung

Bundespräsident Horst Köhler lobte in seinem Grußwort die Initiative von IG BCE und BAVC und mahnte deren praktische Umsetzung an: 'Ich wünsche uns allen, dass Sie nun genauso engagiert daran arbeiten, die fünf Thesen in die betriebliche Praxis umzusetzen. Dann kann von der Sozialpartnererklärung ein Impuls ausgehen, der auch in anderen Branchen wirken kann. Zugleich machen Sie damit die allerbeste Werbung für ein vertrauensvolles Miteinander der Tarifpartner, für das Modell der Sozialen Marktwirtschaft und damit für Wohlstand und Arbeitsplätze in Deutschland.'
 

BAVC-Präsident Voscherau: Einen Stein ins Rollen bringen

Eggert Voscherau, Präsident des BAVC, betonte: 'Diese Vereinbarung ist alles andere als ein Lippenbekenntnis. Es ist der ernsthafte Versuch, einer Entwicklung entgegenzutreten, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt unmittelbar bedroht: Der Vertrauenskrise der Sozialen Marktwirtschaft. Wir sind jedoch nicht so naiv zu glauben, wir könnten das alleine stemmen. Aber wir können einen Stein ins Rollen bringen und ihm die richtige Richtung geben. Wir hoffen, wir können andere anstoßen, ihren Teil beizutragen.'

Voscherau unterstrich die zentrale Bedeutung des gemeinsamen Maßnahmen-Kataloges: 'Wir belassen es nicht bei Worten allein. Wir wollen aktiv mit einem Katalog von Instrumenten und einer eigenen Sozialpartner-Akademie dafür sorgen, dass das Bewusstsein für wirtschaftsethisches Verhalten geschärft wird.'

IG-BCE-Vorsitzender Schmoldt: Neues Vertrauen stiften

Auch die IG BCE erwartet, 'dass der Geist dieser Vereinbarung Wirkungskraft im betrieblichen Alltag entfaltet und Einfluss nimmt auf das Klima in den Unternehmen unserer Branche', so Hubertus Schmoldt. 'Neues Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft und unsere Demokratie zu stiften', sei ein weiteres Ziel der Sozialpartner-Initiative in der chemischen Industrie, so der IG-BCE-Vorsitzende. 'Wir brauchen eine neue gesellschaftliche Übereinkunft, an welchen Werten sich verantwortliches Handeln orientieren muss.' Denn insbesondere im Wirtschaftsleben seien die Maßstäbe 'ein Stück weit abhanden gekommen', erklärte Schmoldt.

Die gemeinsamen Leitlinien wurden seit Sommer 2007 in einer Workshop-Reihe in der Lutherstadt Wittenberg erarbeitet ('Der Wittenberg-Prozess'). An diesen Workshops haben 250 Vertreter aus der Chemie-Industrie mitgewirkt, vom Auszubildenden bis zum Vorstand.

Hier die Leitlinien von BAVC und IG BCE im Detail:

1. Verantwortlich Handeln:

Soziale Marktwirtschaft braucht nachhaltigen unternehmerischen Erfolg


Die Sozialpartner der chemischen Industrie bekennen sich zu ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Sozialen Marktwirtschaft. Es ist unser gemeinsames Interesse, mit nachhaltigem unternehmerischen Erfolg die Soziale Marktwirtschaft unter den Bedingungen der Globalisierung weiterzuentwickeln.
Unternehmerischer Erfolg, der von nachhaltig handelnden und wettbewerbsfähigen Unternehmen erzielt wird, ist Bedingung für Innovationen, Investitionen und Arbeitsplätze.
Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg verlangt Integrität und Verantwortlichkeit aller Beteiligten, das heißt ökonomisch wertschaffendes, sozial ausgewogenes und ökologisch verträgliches Handeln.

2. Verantwortlich Handeln:

Nachhaltigkeit braucht eine vernünftige Balance von Ökonomie, Ökologie und Sozialem


Die chemische Industrie hat sich weltweit das Ziel gesetzt, den Schutz von Gesundheit und Umwelt sowie die Sicherheit von Mitarbeitern, Anwendern und Nachbarschaft ständig zu verbessern. Die Initiative Responsible Care ist ein gemeinsamer Wertmaßstab für die beteiligten Unternehmen, ihre Mitarbeiter und die Gesellschaft. Die Initiative stärkt nachhaltig die Zusammenarbeit zwischen Gesellschaft und Branche sowie von Unternehmen und Beschäftigten. Die Chemie-Sozialpartner wollen die Initiative Responsible Care ausbauen. Es ist unser gemeinsames Interesse, die Initiative im Dialog mit allen Betroffenen und mit konkreten Maßnahmen und Projekten weiter voranzutreiben. Dadurch wollen wir auch künftig unsere Verantwortung wahrnehmen und so die Zukunftsfähigkeit der chemischen Industrie im globalen Wettbewerb für Unternehmen und Beschäftigte sichern.

3. Verantwortlich Handeln:

Gute Arbeit braucht Respekt, Fairness, Vertrauen und Verantwortung


Die Sozialpartner der chemischen Industrie bekennen sich zu dem Anspruch: Gute Arbeit schaffen. Unser Ziel ist es, unter den Bedingungen des globalen Wettbewerbs die Voraussetzungen für gute Arbeit zu bewahren, um gemeinsam von ihren Vorteilen zu profitieren. Daher werden wir weiterhin – in der Tradition unserer bewährten Sozialpartnerschaft – für eine respektvolle Verständigung eintreten, faire Standards und Regeln einfordern und mitgestalten, Vertrauen aufbauen und verantwortungsvoll für gute Arbeit eintreten. Nachhaltiger unternehmerischer Erfolg ist dabei die Basis für gute Arbeit. Sie erfordert die Harmonisierung von Lebens- und Arbeitswelt. Gute Arbeit fördert Innovation und Wettbewerbsfähigkeit durch Qualifikation und Weiterbildung. Gute Arbeit ist geprägt von einer Kultur der Teilhabe und Mitgestaltung.

4. Verantwortlich Handeln:

Globalisierung braucht Fairness


Die Sozialpartner der chemischen Industrie betrachten die Globalisierung als unabdingbare Voraussetzung für die Zukunft des Chemiestandorts Deutschland. Wir sehen die Chancen ebenso wie die Risiken. Mit den Möglichkeiten der Globalisierung ist verantwortlich umzugehen, gegen Missbräuche wenden wir uns. Der Tendenz einer gesellschaftlichen Spaltung in Gewinner und Verlierer der Globalisierung treten wir entgegen. Deshalb leisten wir einen Beitrag zur Gestaltung und Etablierung fairer Regeln für den weltweiten Austausch. Gemeinsam wollen wir uns mit unseren Partnern im In- und Ausland dafür einsetzen, wechselseitige Entwicklungschancen zu fördern.

5. Verantwortlich Handeln:

Nachhaltiger Erfolg braucht Qualifikation und Engagement


Die Menschen bilden das wichtigste Potenzial Deutschlands im internationalen Standortwettbewerb. Investitionen in die Potenziale der Menschen bringen langfristig die höchsten Erträge. Sie sind deshalb von der Gesellschaft, den Unternehmen und den Einzelnen zu erbringen. Die Sozialpartner der chemischen Industrie tragen dazu bei, die Potenziale der Menschen zum wechselseitigen Nutzen von Arbeitnehmern, Arbeitgebern und Gesellschaft zu fördern und zu fordern. Hierfür sind Voraussetzungen nötig, die von Gesellschaft und Staat mit geschaffen und getragen werden müssen - vor allem Erziehung und Bildung. BAVC und IG BCE wollen die Debatte über die Entwicklung des Humankapitals mitgestalten. Denn die Beschäftigten mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten sind für die Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie, ihre Innovationskraft und Zukunftsperspektive die entscheidende Ressource.
 


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pdf Sozialpartner_Vereinbarung_14_08_08.pdf 83,1 KB
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