Zugang für beruflich Qualifizierte zur Hochschule

Im November 2008 haben die BDA, BDI und die Hochschulrektorenkonferenz HRK ein gemeinsames Memorandum veröffentlicht mit dem Titel 'Durchlässigkeit erhöhen: Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte öffnen'. Darin appellieren Wirtschaft und Hochschulen an die Kultusministerkonferenz (KMK) den Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte deutlich stärker als bisher zu öffnen.

 

Die KMK hat jetzt Anfang März 2009 eine neue Vereinbarung über einheitliche Zulassungskriterien für beruflich Qualifizierte verabschiedet (siehe Kasten auf der nächsten Seite). Jetzt wird es darauf ankommen, dass die Länder diesen Stralsunder Beschluss in Landesrecht umsetzen und dass die Hochschulen anschließend ihre Zulassungspraxis auch entsprechend ausgestalten.

 

Durchlässigkeit

 

Die Öffnung des Hochschulzugangs für beruflich qualifizierte Personen ist ein wichtiger Schritt, um die Durchlässigkeit zwischen den Teilbereichen des Bildungssystems zu erhöhen. Sie ermöglicht die Weiterentwicklung früherer Bildungsentscheidungen und eröffnet dadurch neue Wege des lebenslangen Lernens.

 

Dies ist auch vor dem Hintergrund der in Deutschland vorherrschenden starken Selektion im Bildungsverlauf erforderlich, wodurch für Kinder aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien der Weg an die Hochschule besonders schwer ist.

 

Gute Praxiserfahrungen

 

Der Anteil der Studierenden, die auf der Basis ihrer beruflichen Qualifikation ein Studium aufgenommen haben, liegt insgesamt zur Zeit bei weniger als 1 %. Wie die Erfahrung in Niedersachsen zeigt, kann ihr Anteil auf 5 % der Studierenden gesteigert werden – und dies ohne Abstriche bei der Qualität der Lernergebnisse.

 

Denn auf Grund der hohen Qualität der dualen beruflichen Ausbildung in Deutschland verfügen Absolventen bereits über beachtliche Kenntnisse und umfangreiche Handlungskompetenzen.

 

Studierende, die über eine berufliche Ausbildung ihre Hochschulzugangsberechtigung erhalten haben, zeichnen sich durch ihre hohe Motivation und Leistungsbereitschaft aus. Eine klare Berufsorientierung führt zu einem gezielten Studienverlauf. Es kommt daher in dieser Gruppe zu deutlich weniger Studienabbrüchen. Dies entspricht den Erfahrungen aus der Praxis und ist in Untersuchungen nachgewiesen.

 

Besonders zu begrüßen wäre es, wenn viele Absolventen einer gewerblich-technischen Ausbildung ein Studium in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) aufnehmen, das exzellente Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet. Studienkapazitäten werden in diesen Fächern derzeit an vielen Hochschulen nicht voll ausgeschöpft.

 

Forderungen

 

Im Memorandum von BDA, BDI und HRK sind konkrete Forderungen herausgearbeitet worden. Dieser Katalog kann zur Bewertung der zukünftigen Umsetzung des Stralsunder Beschlusses der KMK herangezogen werden.

 

Kompetenzorientierung

 

Die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung muss weiter erhöht werden. Auch berufliche Bildung kann für ein Hochschulstudium qualifizieren. Wer aber studierfähig ist, muss auch studieren können. Die zunehmende Orientierung an Kompetenzen im Bildungswesen weist bereits jetzt in die richtige Richtung. Die tatsächlich erworbenen Kompetenzen jedes einzelnen Studienbewerbers müssen den Ausschlag für die Zulassungsentscheidung geben.

 

Kein formaler Ausschluss

 

Formale Ausschlussgründe sind nicht akzeptabel und führen zu einer unnötigen und nicht hinnehmbaren Verschwendung von Potenzial. Landesgesetzliche Vorgaben sind daher auf das notwendige Minimum zu beschränken: Alle Absolventen einer anerkannten Berufsausbildung müssen das Recht haben, an den Zugangs- und Zulassungsverfahren für ein Hochschulstudium teilzunehmen.

 

Dieses Recht darf nicht an weitere formale Voraussetzungen, etwa mehrjährige Berufserfahrung oder eine bestandene Meisterprüfung, gekoppelt werden, da solche Kriterien den Kreis der potenziellen Studierenden unnötig beschränken. KMK und Hochschulen müssen hierfür im Interesse der Studierwilligen einheitliche länderübergreifende Rahmenbedingungen vereinbaren.

 

Autonomie der Hochschule

 

Die Zugangs- und Zulassungsentscheidung gehört für alle Studienbewerber in die Autonomie jeder einzelnen Hochschule, die sie jeweils nach transparenten Kriterien trifft. Sowohl für Bewerber mit schulischer Hochschulzugangsberechtigung als auch für solche mit beruflicher Qualifikation müssen Möglichkeiten bestehen, ihre Studierfähigkeit unter Beweis zu stellen. Dem Verfahren sollten Angebote der Studienorientierung und Beratung vorausgehen.

 

Organisatorische Fragen

 

Um ein Hochschulstudium für beruflich Qualifizierte auch organisatorisch zu ermöglichen bedarf es vermehrt berufsbegleitender Studienangebote. Diese sollen an den Bedürfnissen der Studierenden ausgerichtet sein und virtuelle Lernangebote genauso wie Präsenzveranstaltungen in den Abendstunden und am Wochenende beinhalten. Die besonderen Qualifikationsvoraussetzungen beruflich Qualifizierter müssen, etwa durch zusätzliche propädeutische Angebote, genauso Berücksichtigung finden wie ihr besonderer Erfahrungsschatz. Die Unternehmen entwickeln Arbeitszeitmodelle für berufsbegleitende Studien ihrer Mitarbeiter und integrieren diese in die Personalentwicklung.

 

Vorbereitungsangebote

 

Vorbereitungs- und Anpassungsangebote für beruflich qualifizierte Studieninteressierte müssen bedarfsgerecht ausgebaut werden. Hierfür bietet sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, allgemein bildenden Schulen, freien und kommunalen Bildungsträgern an.

 

Betreuung

 

Für den Ausbau entsprechender zusätzlicher Studien- und Betreuungsangebote müssen die Hochschulen ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen erhalten.

 

Förderung

 

Die Förderung beruflich qualifizierter Studierender, etwa durch Aufstiegsstipendien, ist ebenfalls bedarfsgerecht auszubauen. Sie muss grundsätzlich allen Studierenden, die über ihre berufliche Qualifikation den Weg zum Hochschulstudium gefunden haben, offen stehen.

 

Anrechnung

 

Die Hochschulen streben an, die bestehenden Möglichkeiten zur Anrechnung beruflicher Qualifikationen auf das Hochschulstudium verstärkt zu nutzen. Die Möglichkeit hierzu hat die KMK bereits 2002 eröffnet. Für die Prüfung der Gleichwertigkeit von Kompetenzen sowie für deren Anrechnung sind in Pilotprojekten bereits geeignete Methoden entwickelt worden, etwa im Projekt 'Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge' (ANKOM).

 

Strukturreform umsetzen

 

Die bis 2010 abgeschlossene Studienstrukturreform mit ihrer Modularisierung und stärkeren Berufsorientierung der Studiengänge bietet geeignete strukturelle und inhaltliche Anknüpfungspunkte zur beruflichen Bildung. Die hier formulierten Forderungen sollten daher ebenfalls spätestens bis zum Jahr 2010 umgesetzt werden.

 

Das Memorandum 'Durchlässigkeit erhöhen: Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte öffnen' finden Sie im Internet unter www.arbeitgeber.de in der Rubrik 'Publikationen/Broschüren/Bildung'.



Downloads

Typ Dateiname Dateigröße
pdf ab_0209_3-5.PDF 76,9 KB

BAVC-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie Nachrichten, Infodienste und Pressemitteilungen bequem per E-Mail

BAVC auf Twitter

Folgen Sie dem BAVC auf Twitter, um aktuelle Informationen und Neuigkeiten des Verbandes in Echtzeit zu erhalten.

BAVC-Partner

Heute Morgen Sozialpartnernetz Berufskompass Chemie Chemiepensionsfonds So.WIN mint UCI CSSA INQA Chemie hoch 3
VOILA_REP_ID=C12574AC:00338A87