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Deutschland 2010
Europameister im Sorgenmachen

Die Lage am Arbeitsmarkt bleibt sowohl für die Europäer insgesamt als auch für die Deutschen die größte Sorge. Im Vergleich zum Vorjahr nimmt die Besorgnis sogar noch etwas zu. In 8 der 11 untersuchten Länder ist die Arbeitslosigkeit das am häufigsten genannte Problem. Mit einigem Abstand folgen die Themen Preis- und Kaufkraftentwicklung sowie die wirtschaftliche Stabilität. Bei der Sorge um die Konjunktur entspannt sich die Lage, das Thema liegt aber immer noch auf Rang 3 in Europa.

Insgesamt machen sich in Europa die Deutschen die meisten Sorgen. Und nicht nur das: Sie haben 2010 mehr Sorgen denn je (siehe Schaubild). Auffällig ist, dass die Zahl der Sorgen gleichsam „explodiert“ ist. So hatte im letzten Jahr ein Deutscher im statistischen Durchschnitt 2,8 Sorgen, in diesem Jahr sind es durchschnittlich 3,2. Das ist für die Statistiker der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ein Riesensprung, größer als jemals in den letzen 20 Jahren.

Studie „Challenges of Europe 2010“

Das sind Ergebnisse aus der GfK-Studie „Challenges of Europe 2010“. Sie basieren auf rund 13.200 Verbraucherinterviews, die im Auftrag der GfK im Februar und März 2010 in Deutschland, Frankreich, Österreich, Großbritannien, Italien, Belgien, den Niederlanden, Russland, Polen, Spanien und erstmals auch in Schweden durchgeführt wurden. Grundlage der Untersuchung ist folgende offene Frage, die jedes Jahr unverändert gestellt wird: „Welches sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Aufgaben, die heute in [jeweiliges Land] zu lösen sind?“ Die Befragten erhalten keinerlei beschränkende Vorgaben für ihre Antwortmöglichkeiten, Mehrfachnennungen sind möglich.

Nachfolgend die deutschen Ergebnisse, auf die sich dieser Artikel beschränkt, im Einzelnen:

Arbeitslosigkeit: Größte Herausforderung

Mit einem Anstieg um 9 Prozentpunkte zeigen sich 2010 zwei Drittel der Deutschen besorgt über die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Tatsächlich hat im Zuge der Rezession auch die Arbeitslosigkeit zugenommen. Der Anstieg fällt allerdings merklich geringer aus als zuvor befürchtet (laut OECD von 7,3% in 2008 auf 7,5% im Januar 2010). Die wachsende Besorgnis kann an den unsicheren Zukunftsaussichten liegen, unter denen Prognosen schwer zu treffen sind. So erwarteten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten 2009 noch einen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf 5 Mio. bis Ende 2010. Im Frühsommer 2010 sind aber nur rund 3,6 Mio. Erwerbslose in Deutschland gemeldet und in ihren aktuellen Gutachten rechnen die Institute sogar mit wieder sinkenden Arbeitslosenzahlen.

Die größte Sorge - Sorgenkind „Nummer 1“ der Deutschen im Jahr 2010 - ist und bleibt aber trotzdem die Arbeitslosigkeit. Das war schon die letzten 20 Jahre so. Einzige Ausnahme: Im Jahr 1992 hatten die Sorgen um das Thema Zuwanderung und Integration der deutschen Angst vor Arbeitslosigkeit den Rang abgelaufen.

Krisenherd: Wirtschaftliche Stabilität

Die Befürchtungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung sind nach einem explosionsartigen Anstieg im Jahr 2009 wieder um 10 Prozentpunkte zurückgegangen, belegen mit 26% aber immer noch Platz 2 des deutschen Rankings.

Mit einem Minus von 5% des Bruttoinlandsprodukts erlebte die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr den stärksten Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik. Für 2010 wird wieder mit einem leichten Anstieg der Wirtschaftsleistung gerechnet.

Inflation: Zunehmende Beunruhigung

Nachdem die Besorgnis über die Entwicklung der Preise und der Kaufkraft im letzten Jahr noch bei 13% lag, sehen heute 24% der Deutschen wieder Handlungsbedarf. Die deutsche Inflationsrate lag 2009 im Jahresdurchschnitt bei nur 0,4%, seit Jahresbeginn 2010 sind aber steigende Teuerungsraten zu beobachten.

Brisant: Gesundheit und Alter

Mehr als verdoppelt hat sich die Sorge um das Gesundheitswesen. Mit 21% zeigten sich seit 1990 noch nie so viele Deutsche beunruhigt über die Versorgung im Krankheitsfall. Damit landet das Thema in diesem Jahr auf Platz 4 des Sorgenrankings.

Tatsächlich rückt die Reformbedürftigkeit des deutschen Gesundheitssystems angesichts von Milliardendefiziten der gesetzlichen Krankenkassen, erstmals erhobener Zusatzbeiträge und der Diskussion um eine Kopfpauschale wieder stärker in den Fokus.

Mit einem Anstieg von 9% auf 19% hat auch das Thema Renten bzw. die Altersversorgung stark an Brisanz gewonnen und liegt aktuell auf Platz 5. Während die Altersbezüge im Vorjahr noch um fast 2,5% gestiegen sind, müssen sich die Senioren in diesem Jahr mit einer Nullrunde begnügen.

Im Fokus: Soziale Sicherung

Der Themenkomplex der sozialen Sicherung belegt Rang 6 der deutschen Sorgenliste. Im Vergleich zum Vorjahr gab es einen Anstieg um 4 Prozentpunkte auf 17%, der bislang höchste Wert. Eine gerechtere Einkommensverteilung wird dabei besonders häufig angemahnt. Auch das Thema Kriminalität beschäftigt die Deutschen wieder mehr. Nach einem Rückgang im Vorjahr ist der Wunsch nach verstärkter Verbrechensbekämpfung um 7 Prozentpunkte auf 15% gestiegen und belegt damit den 7. Platz. Die Besorgnis darüber dürfte der GfK zufolge stark von der Berichterstattung über Kriminalität in den Medien abhängen, die in diesem Jahr verstärkt von Straftaten im Zusammenhang mit Jugendlichen sowohl als Opfer als auch als Täter geprägt war.

Nachrangig: Bildung und Staatsfinanzen

Bemerkenswert erscheint, dass das weder die Bildungspolitik (Rang 8) noch das Thema Staatsfinanzen (Platz 9) oder der Komplex Politik/Regierung (Nummer 10) als prioritäre Problembereiche im deutschen Bewusstsein angekommen sind.

Hält die derzeitige Diskussion allerdings an, spricht einiges dafür, dass das die „Aufreger-Themen“ für die nächste Befragungsrunde im Jahr 2011 werden könnten.



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