Chemie-Tarifrunde 2012
Länger arbeiten, flexibler arbeiten

2012 wird ein „Mega-Tarifjahr“ (FAZ). Für Millionen von Arbeitnehmern und Zehntausende Betriebe werden die Löhne und Arbeitsbedingungen neu verhandelt. Die Weichen für die jeweiligen Tarifrunden werden in den kommenden Wochen gestellt: Am 7. und 9. Februar geben die Gewerkschaften ihre Forderungen für die Metall- und Elektroindustrie sowie den Öffentlichen Dienst bekannt. In der Chemie-Branche wird die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie
(IG BCE) Mitte Februar ihre Forderungsempfehlung für die weitere Beratung in den Bezirken abgeben.
 
Lage: Abschwächung und Unsicherheit
 
Die Arbeitgeber erwarten, dass die IG BCE bei ihrer Forderungsempfehlung nicht überzieht. Angesichts der konjunkturellen Abschwächung und der unsicheren Lage infolge der Schuldenkrise wäre es falsch, jetzt überhöhte Erwartungen bei den Beschäftigten zu schüren. Zum Vergleich: 2011 hat die IG BCE bei einem Umsatzwachstum von 9 Prozent in der Chemie 7 Prozent mehr Geld gefordert. 2012 wird der Chemie-Umsatz voraussichtlich nur um 2 Prozent zulegen. Davor kann die IG BCE nicht einfach die Augen verschließen.
 
Demografie verlängert Lebensarbeitszeit
 
Aus Sicht der Arbeitgeber steht zudem ein weiteres Thema im Mittelpunkt der Chemie-Tarifrunde 2012: die Antwort der Branche auf den demografischen Wandel. Das Ziel ist klar: Es geht darum, die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie langfristig zu sichern. Deshalb müssen wir länger arbeiten und flexibler arbeiten.
Die demografische Entwicklung führt zu einer längeren Lebensarbeitszeit und erzwingt einen Mentalitätswandel in der Arbeitswelt. Da immer weniger junge Fachkräfte nachrücken, müssen die vorhandenen Mitarbeiter länger arbeiten. Es geht künftig nicht mehr darum, möglichst frühzeitig auszuscheiden, sondern möglichst lange leistungsfähig im Betrieb zu bleiben. Frühverrentung ist ein Modell von gestern, das für den Chemie-Standort Deutschland heute nicht mehr passt.
 
Erfolgreiche Tarifpolitik fortsetzen
 
Die Chemie-Tarifparteien müssen ihren 2008 eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen und den demografischen Wandel mit innovativen Vereinbarungen gestalten. Der erfolgreiche Tarifvertrag „Lebensarbeits­zeit und Demografie“ war der richtige Einstieg in das Thema — ein Schritt, dem weitere folgen müssen. Wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern müssen die Herausforderung annehmen, um langfristig als Branche wettbewerbsfähig zu bleiben und sichere Arbeitsplätze zu bieten.
 
Entscheidender Hebel: Arbeitszeit
 
Die wichtigste Stellschraube im Umgang mit dem demografischen Druck ist die Arbeitszeit. Muss das erforderliche Arbeitszeitvolumen auf weniger verfügbare Köpfe verteilt werden, wird die Arbeitszeit länger — für den Einzelnen und für die Mitarbeiter insgesamt. Dieser Paradigmenwechsel erfordert eine stärkere Differenzierung und Flexibilisierung der Arbeitszeit, um den geänderten Anforderungen gerecht zu werden.
 
Mehr Flexibilität für Beschäftigte und Unternehmen
 
Von einer stärkeren Differenzierung und Flexibilisierung der Arbeitszeit können sowohl Beschäftigte als auch Unternehmen profitieren. Mehr Flexibilität für die Beschäftigten durch die Möglichkeit einer stärker lebensphasenorientierten Arbeitszeitgestaltung (z.B. Entlastung für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Weiterbildung, gleitende Übergänge) muss jedoch ermöglicht werden durch mehr Flexibilität für die Unternehmen, etwa durch die Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit.
 
Altersbezogene Tarifregelungen gehören auf den Prüfstand
 
Neben der Arbeitszeit stellen die Chemie-Arbeitgeber auch altersbezogene Tarifregelungen zur Diskussion. Einzelne Bestimmungen der Chemie-Tarifverträge sind bisher nicht an die demografische Veränderung und die längere Lebensarbeitszeit angepasst worden, z.B. Altersfreizeiten ab 55 und die Verdienstsicherung ab 50. Diese auf anderer Geschäftsgrundlage entstandenen Regelungen gehören jetzt auf den Prüfstand.
 
Die Zeit drängt: Die notwendigen Maßnahmen müssen jetzt eingeleitet werden.


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