Chemie-Arbeitskosten international:
Die Konkurrenz arbeitet günstiger

Die industriellen Arbeitskosten sind ein entscheidender Faktor im weltweiten Standortwettbewerb. In der westdeutschen chemischen Industrie beliefen sich die Arbeitskosten im Jahr 2013 auf 53,16 Euro je Beschäftigtenstunde. Sie liegen damit im internationalen Kostenvergleich nach wie vor an der Spitze. Lediglich in Belgien müssen die Unternehmen mehr für eine Arbeitsstunde aufwenden.

Dies ist das Ergebnis der aktuellen BAVC-Auswertung zum internationalen Arbeitskosten-Ranking für die chemische Industrie. Ausgangspunkt der Berechnungen ist die Arbeitskostenerhebung der Europäischen Union. Daneben wurden auch Daten aus Japan und den USA einbezogen.

Arbeitskosten als Standortfaktor
 
Die wichtigsten Konkurrenten müssen für Arbeit deutlich weniger zahlen als die westdeutsche Chemie-Industrie mit 53,16 Euro je Stunde. Beim Spitzenreiter Belgien schlagen insbesondere die hohen Personalzusatzkosten zu Buche. Hier müssen die Arbeitgeber deutlich mehr als 30 Prozent der Lohnsumme als gesetzliche Sozialversicherungsbeiträge abführen.
Etablierte Wettbewerber wie Frankreich (46,18 Euro) oder Italien (34,44 Euro) können beim Faktor Arbeit deutlich günstiger kalkulieren. Von den großen Industrieländern ist keines vor der West-Chemie platziert. Durch die kräftige Abwertung des Yen hat Japan (33,39 Euro) nunmehr einen Kostenvorteil von 37 Prozent gegenüber der westdeutschen Chemie. Auch die USA (30,56 Euro) und Großbritannien (23,96 Euro) produzieren um 42 bzw. 55 Prozent günstiger.
 
Das Kostenniveau in der Ost-Chemie fällt mit 37,90 Euro je Stunde niedriger aus, ein Vorteil für die ostdeutschen Bundesländer etwa im Wettbewerb um neue Produktionsstätten. Das Kostenniveau der benachbarten osteuropäischen Konkurrenz in Polen, Tschechien oder der Slowakei liegt mit 9 bis 11 Euro je Stunde aber bei weniger als einem Drittel der ostdeutschen Arbeitskosten.
Die Höhe der Arbeitskosten ist nicht nur als Teilkomponente der Lohnstückkosten ein wichtiger Faktor der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Die Arbeitskosten spielen bei Investitionsvorhaben und Standortentscheidungen eine maßgebliche Rolle. Vor allem treten Standorte dann in unmittelbare Konkurrenz, wenn Erzeugnisse erstellt werden, die überregional handelbar sind. Bei Industriegütern der chemischen Industrie ist dies zumeist der Fall.
 
Die hohen Chemie-Arbeitskosten in Deutschland sind nur dann tragbar, wenn die Lohnstückkosten durch entsprechende Produktivitätsvorteile als Parameter für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Chemie-Erzeugnisse konkurrenzfähig bleiben. Mit anderen Worten: Die deutsche Chemie muss mindestens so viel besser sein, wie sie teurer ist.
In den letzten vier Jahren hat sich in der Chemie-Industrie jedoch die Arbeitskostendynamik von der Produktivitätsdynamik gelöst — die Lohnstückkosten sind deutlich gestiegen.
 
Produktivität und Arbeitskosten: gefährliche Kluft
 
Die deutschen Chemie-Unternehmen haben trotz des in den vergangenen Jahren nur schwachen Produktionszuwachses Beschäftigung aufgebaut. Seit 2010 stieg die Anzahl der Arbeitnehmer um knapp 7 Prozent. Die Unternehmen betreiben demografische Vorsorge und sichern sich ihre Fachkräftebasis. Bei nur verhaltener Konjunkturentwicklung führt dies jedoch zu personellen Unterauslastungen und beeinträchtigt die Produktivität negativ.
Bei gleichzeitig steigenden Arbeitskosten führt dies im Ergebnis dazu, dass die Lohnstückkosten, also die Lohnkosten je produzierter Einheit, ansteigen. Erhöhen sich jedoch die Produktionskosten über die Maßen, so leidet die preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Standort und Beschäftigung geraten unter Druck. Genau in dieser gefährlichen Situation befindet sich die deutsche Chemie-Branche zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
Während die Produktivität in der Chemie von 2010 bis 2014 um gut 4 Prozent gesunken ist, haben sich die Lohnstückkosten in nur vier Jahren um rund 18 Prozent massiv in die Höhe geschraubt. Zunehmend sehen die Unternehmen daher Arbeitskostensteigerungen als eines der größten Risiken für die eigene wirtschaftliche Entwicklung. 
 
Wettbewerbsfähigkeit nicht aufs Spiel setzen
 
Die Chemie-Produktion ist in den vergangenen vier Jahren im Durchschnitt um weniger als 1 Prozent pro Jahr gewachsen. Seit 2011 bewegt sich die Branchenkonjunktur seitwärts — es fehlt ein signifikantes Wachstum. Bei anhaltend hoher Unsicherheit ist auch 2015 nicht mit deutlichen Zuwächsen zu rechnen.
Die Arbeit ist in der Chemie-Branche in den letzten Jahren jedoch massiv teurer geworden, ohne dass dies durch eine entsprechende Produktivitätsentwicklung gedeckt ist. Vor diesem Hintergrund darf die laufende Chemie-Tarifrunde 2015 die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nicht aufs Spiel setzen. 


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