Chemie-Konjunktur:
Geringes Wachstum, hohe Unsicherheit

Die Chemie-Konjunktur verharrt weiterhin in einer Seitwärtsbewegung. Die wirtschaftliche Situation der Branche ist geprägt durch diese anhaltende Wachstumsschwäche bei großen Unsicherheiten im wirtschaftlichen und politischen Umfeld — und dies bei steigendem Wettbewerbsdruck. Seit 2011 ist die chemisch-pharmazeutische Industrie durchschnittlich nur knapp 1 Prozent pro Jahr gewachsen. In den vergangenen vier Jahren haben die Chemie-Unternehmen immer wieder Rückschläge verkraften müssen. Entsprechend hoch ist die Verunsicherung über den weiteren Geschäftsverlauf.

Ernüchternder Jahresabschluss 2014

Das Geschäftsjahr 2014 hat für die Chemie-Branche mit einem enttäuschenden Schlussquartal geendet. Sie konnte nicht wie gehofft von der Ausweitung der Industrieproduktion in Deutschland und Europa profitieren. Im Gegenteil: Alle relevanten Kennzahlen lagen im Schlussquartal 2014 unter dem Niveau des Vorquartals. Insgesamt geht die Chemie somit ohne Schwung ins Jahr 2015.
Zwar stieg die Chemie-Produktion im Gesamtjahr 2014 leicht um 1,5 Prozent. Dieser Zuwachs geht jedoch allein auf das Geschäft mit Pharmazeutika und Spezialchemikalien zurück. Die Grundstoffchemie hingegen hinkt spürbar hinterher. Die Produktion bei Petrochemikalien und Polymeren sank deutlich. Hier besteht die berechtigte Sorge, dass sich die Wettbewerbsnachteile des deutschen Standortes mit seinen hohen Energie- und Rohstoffkosten negativ auswirken.

Auf der Preisseite steht für das Gesamtjahr 2014 bei den Chemie-Erzeugerpreisen ein Minus von 1,4 Prozent in den Büchern, nachdem die Verkaufspreise bereits 2013 um 1,1 Prozent gefal-len waren. Der massive Rückgang des Ölpreises spielt hierbei eine bedeutende Rolle. Für viele Chemie-Erzeugnisse ist Erdöl der zentrale Grundstoff. Bei sinkendem Ölpreis profitieren die Un-ternehmen folglich von niedrigeren Beschaffungskosten. Dieser vermeintlich gewonnene Wettbe-werbsvorteil lässt sich jedoch kaum nutzen, da mangels ausreichender Nachfrage schlichtweg die Absatzmengen fehlen. Der intensive Wettbewerb zwingt die Chemie-Unternehmen vielmehr dazu, die Kostenentlastungen rasch und vollständig an die Kunden weiterzugeben. Die Preise für Pri-märchemikalien sinken daher seit Monaten beständig, die Tendenz rückläufiger Verkaufspreise in der Chemie hat sich zuletzt deutlich beschleunigt. Die nur geringe Mengenausweitung bei Chemie-Erzeugnissen und die sinkenden Verkaufspreise haben folglich zu einem Abschmelzen beim Umsatz geführt. Am Jahresende 2014 lag der Branchenumsatz um 1,4 Prozent höher als im Jahr zuvor.

Chemie-Jahr 2015: nur magere Aussichten

Trotz wirtschaftlicher Sonderfaktoren wie niedrigem Ölpreis und abgeschwächtem Euro-Kurs bleibt die wirtschaftliche Dynamik für Deutschland und Europa insgesamt niedrig. Ohnehin entwickelt sich die europäische Industrieproduktion nur zurückhaltend, der europäische Markt für che-mische Erzeugnisse wächst im weltweiten Vergleich am schwächsten. Für die deutschen Chemie-Unternehmen dämpft dies auf mittlere Sicht die eigenen Wachstumsaussichten, da 70 Prozent der Exporte in die europäischen Nachbarstaaten gehen. Da zudem ein Großteil dieser Chemie-Exporte im Euroraum verbleibt, profitiert die Chemie-Branche auch nur in geringerem Maße von der jüngsten Euro-Abwertung.

Aber auch auf vielen außereuropäischen Exportmärkten sind die Wachstumsaussichten nur verhalten. Dies gilt für die Schwellenländer insgesamt, mit rezessivem Wirtschaftsverlauf in Russ-land und Brasilien sowie mit China, das in eine Phase langsameren Wachstums (»New Normal«) einmündet. Bei den Industriestaaten befinden sich die USA dank Schiefergasboom weiterhin auf einem soliden Wachstumspfad, während sich Japan bisher nicht aus seiner Wachstumsflaute be-freien kann. Das außenwirtschaftliche Umfeld bleibt somit weiterhin schwierig. Geopolitische Spannungen und die anhaltende Wachstumsschwäche im Euroraum trüben die Aussichten für die deutsche Chemie und bergen Rückschlagspotenzial für die Konjunktur.

In seiner angepassten Jahresprognose 2015 geht der Verband der Chemischen Industrie (VCI) nunmehr davon aus, dass die Dynamik für das deutsche Chemie-Geschäft auch in den kommen-den Monaten niedrig bleibt. Für das Gesamtjahr wird eine leichte Ausweitung der Chemie-Produktion um 1,5 Prozent erwartet.
Da die niedrigeren Öl- und Rohstoffkosten an die Kunden weitergereicht werden müssen, wer-den die Erzeugerpreise für Chemikalien voraussichtlich um 2 Prozent sinken — und damit deutli-cher als bisher angenommen (minus 0,5 Prozent). Der Chemie-Umsatz wird deshalb sogar um minus 0,5 Prozent schrumpfen.

Produktivitätsorientierte Lohnpolitik

In der laufenden Chemie-Tarifrunde 2015 hat die IG BCE eine Lohnforderung von 4,8 Prozent erhoben. Durch die vorangegangenen Tarifabschlüsse wurden die Chemie-Tariflöhne 2011 um 4,1 Prozent, 2012 um 4,5 Prozent und 2014 um 3,7 Prozent angehoben. Dieser Lohnausweitung steht allerdings ein Produktionsniveau gegenüber, das im Jahr 2014 gerade einmal knapp 3 Prozent höher lag als noch im Jahr 2010. Dadurch ist ein erhebliches Ungleichgewicht entstanden: die Lohnerhöhungen werden nicht mehr durch die Produktivitätsentwicklung aufgewogen. Unter dem Strich ist die Produktivität seit 2010 um 4 Prozent gesunken, aktuell stagniert sie. Bei nur magerem Wachstum, stagnierender Produktivität und einer Inflation im Null-Komma-Bereich gibt es den Verteilungsspielraum für die aktuell geforderte Tariferhöhung nicht einmal ansatzweise. Stattdessen gilt es, durch eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken. Davon profitieren am Ende Standort und Beschäftigte.

DREI FRAGEN AN
Hans-Carsten Hansen  
Verhandlungsführer der Chemie-Arbeitgeber

Was erwarten Sie von der IG BCE in der nächsten Verhandlungsrunde Mitte März?
… eine Anerkennung der wirtschaftlichen Realitäten, fair und ehrlich. Die Vorführung von Zerrbil-dern allgemeiner Gerechtigkeits- und Verteilungstheorien hilft nicht weiter. Wir werden uns jeden-falls nicht noch einmal von überoptimistischen Prognosen leiten lassen. Vielmehr gilt es, die Ent-wicklungen der Vergangenheit ernst zu nehmen, auf dem Boden von Realitäten zu kalkulieren und besonnen nach vorne zu blicken.

Woran bemessen Sie mögliche Lohnsteigerungen?
Mehr Geld kann es neben einem Inflationsausgleich nur geben, wenn echtes Wachstum da ist. Stillstand, gleichgültig auf welchem Niveau, begründet keine Lohnerhöhung. Und wir erwarten auch 2015 nur eine sehr verhaltene Entwicklung.

Wie sähe in Ihren Augen ein guter Abschluss aus?
Die Chemie steht für konstruktive Zusammenarbeit, die über das Tagesgeschehen hinausblickt und Weichen für die Zukunft stellt. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es daher, in dieser Tarifrunde einen Abschluss zu finden, der allen Unternehmen der Fläche die Chance belässt, die deutschen Standorte und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Bescheidenheit heute ist dabei die Wertschöpfung von morgen!

 



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