Wirtschaftliche Lage:
Mehr Schein als Sein

Die deutsche Wirtschaft ist 2015 kalenderbereinigt um 1,5 Prozent gewachsen. Damit habe sie sich, so der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung, in einem schwierigen Umfeld behauptet. Der Bericht führt weiter aus, die Entwicklung sei vom privaten Konsum und der Binnennachfrage getragen worden. Dementsprechend profitierten vor allem die konsumnahen Wirtschaftsbereiche. Weite Teile der vor allem auf Investitionsgüter und den Export ausgerichteten deutschen Industrie verzeichneten hingegen eine verhaltenere Entwicklung — so auch die chemisch-pharmazeutische Industrie. Für das Gesamtjahr 2015 ergab sich bei einem Produktionsplus der Branche von nur 0,7 Prozent (arbeitstag- und saisonbereinigt) aufgrund deutlich gesunkener Erzeugerpreise (minus 2,8 Prozent) im Ergebnis sogar ein Umsatzrückgang von 0,4 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten wuchs hingegen um 0,5 Prozent. Die Chemie-Produktivität trat 2015 damit praktisch auf der Stelle (plus 0,3 Prozent). Sie liegt aktuell 4,1 Prozent unter dem Niveau von 2010.

Gedopte Konsumkonjunktur

Angesichts der Rahmenbedingungen im Jahr 2015 hätte aber sowohl die Gesamtwirtschaft als auch die Industrie deutlich bessere Ergebnisse erzielen müssen: Dank historisch niedriger Zinsen und der expansiven Geldpolitik der Zentralbanken steht Unternehmen und Konsumenten billiges Geld für Investitionen und Konsum zur Verfügung. Die Schwäche des Euro führt zu positiven Wechselkurseffekten und verbilligt deutsche Produkte für Konsumenten und Investoren außerhalb des Euro-Raumes. Die dramatisch gesunkenen Ölpreise senken die Rohstoffrechnung für Teile der Industrie und kurbeln den privaten Konsum an. Bei einem solchen massiven Konjunktur-Doping müssten heftige Überhitzungserscheinungen statt einem Wachstum in Trippelschritten das Ergebnis sein.

Stattdessen stocken die für die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie so relevanten Investitionen in Deutschland, während gleichzeitig die Konjunktur in wichtigen Abnehmerländern kriselt. Die Importe nach Deutschland sind 2015 stärker gewachsen als die Exporte. Die wirtschaftliche Dynamik in vielen Schwellenländern lässt nach. Im Inland führen die Erwartungen potenzieller Investoren, die diesem gedopten Aufschwung immer weniger trauen, zur Zurückhaltung.

Ölpreis: Überdosis droht

Der niedrige Ölpreis ist angesichts der Bedeutung des Rohstoffes für große Teile der chemischen Industrie dabei durchaus positiv für die Branche. Die Kosten für die Beschaffung sinken, die Ölrechnung könnte wie in 2015 auch 2016 um 2 oder 3 Milliarden Euro niedriger ausfallen als dies noch vor 2 Jahren der Fall war. Der niedrige Ölpreis bleibt aber auch den Abnehmerbranchen der mit Öleinsatz hergestellten Produkte nicht verborgen. Mit jeder neuen Preisverhandlungsrunde frisst sich der Rückgang der Preise durch die Produktionskette und reicht den wirtschaftlichen Vorteil eine Ebene weiter. Die schon seit 2012 negative Entwicklung der Erzeugerpreise der chemischen Industrie zeigt dies mehr als deutlich.

Zudem führt der allein seit Ende 2015 erneut um rund ein Fünftel gesunkene Ölpreis zu teilweise dramatischen Situationen in den Produzentenländern. Saudi-Arabien steht als Folge erneut vor einem negativen Staatshaushalt. Im von Sanktionen getroffenen Russland fehlen Milliarden an Einnahmen. Fracking-Unternehmen und ihre Zulieferer in den USA rutschen in die Insolvenz. Venezuela kommt einer Staatspleite immer näher, Nigeria muss Notkredite aufnehmen. All dies sendet nicht nur weitere Schockwellen durch die Weltwirtschaft und untergräbt das Vertrauen von Investoren, sondern führt auch zu ganz konkreten Nachfrageausfällen in der Exportindustrie und vor allem bei Produzenten von Vorleistungs- und Investitionsgütern, zu denen auch die chemische Industrie gehört. Es werden weniger neue Anlagen und Fabriken geplant und gebaut, Infrastrukturprojekte verschoben, der Konsum in den betroffenen Staaten gerät ins Stocken. Das Konsum- und Konjunktur-Doping für Deutschland und Europa durch niedrige Ölpreise droht angesichts der aktuellen Überdosis mehr Nach- als Vorteile vor allem für die exportabhängige deutsche Industrie zu bringen.

Industrie: Keine Dynamik für 2016

Nach einem überraschend schwachen letzten Quartal des Jahres 2015 sind die Aussichten für die deutsche Industrie angesichts der jüngsten Entwicklungen mehr als unsicher. Auf weitere Sondereffekte sollte jedenfalls niemand bauen: Der Ölpreis kann nicht mehr viel weiter fallen, niedrigere Zinsen sind kaum möglich. Ein klassischer, selbsttragender Industrie-Aufschwung ist nicht in Sicht. Die globalen Risiken nehmen derweil weiter zu. Allein die Unsicherheit rund um die wirtschaftliche Entwicklung in China hat das Potenzial für weitere Turbulenzen in der Weltwirtschaft. Dementsprechend prognostiziert auch die Bundesregierung in ihrem Jahreswirtschaftsbericht, der von einem erneut moderaten Ergebnis für die gesamte Wirtschaft von kalenderbereinigt plus 1,6 Prozent in 2016 ausgeht, erstmals seit langem einen negativen Außenbeitrag und zudem einen weiteren Rückgang der Dynamik bei den Ausrüstungsinvestitionen. Keine guten Aussichten für die deutsche Industrie.

Für die chemisch-pharmazeutische Industrie erwartet die jüngst aktualisierte Prognose des VCI für 2016 angesichts weiter fallender Erzeugerpreise (minus 0,5 Prozent) eine nur minimale Steigerung des Umsatzes von 0,5 Prozent — bei einer voraussichtlich erneut nur um etwa 1 Prozent steigenden Produktion.



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