Chemie-Standort Deutschland
Wettbewerbsfähigkeit sichern

Die Chemie-Branche versorgt nahezu jeden Sektor der Wirtschaft mit ihren Produkten und ist somit in hohem Maße von der Entwicklung ihrer Abnehmer-Industrien abhängig. Gleichzeitig ist das Chemie-Geschäft international. Der globale Wettbewerb bewirkt einen massiven Preisdruck auf den deutschen Standort. Diese Entwicklung wird durch ungleiche internationale Rahmenbedingungen forciert, etwa beim Klimaschutz (z.B. Emissionshandel), der Energiepolitik oder bei Fragen der Regulierung (z.B. REACH).
 
Deutscher Weltmarktanteil sinkt
 
Die Wachstumszentren der Chemie-Nachfrage liegen nicht mehr in den großen Industrieländern, sondern in den aufstrebenden Schwellenländern Asiens, Latein­amerikas und in Osteuropa. Das Produktionswachstum ist hier überdurchschnittlich. Zugleich entstehen neue Wettbewerber. Als Folge gewinnen Chemie-Nationen wie Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) gegenüber den Industrieländern Weltmarktanteile hinzu.
Der Anteil der deutschen Chemie am Weltmarkt sank von 2000 bis 2010 von 7,2 auf knapp 6 Prozent. In der gesamten europäischen Chemie schrumpfte er im gleichen Zeitraum noch stärker, von rund 30 auf 23 Prozent.
 
Diese Verschiebung der Wachstumszentren und die verschärfte internationale Konkurrenzsituation haben Konsequenzen für den deutschen Chemie-Standort und stellen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen immer wieder auf den Prüfstand.
Qualifizierte Mitarbeiter, eine funktionsfähige Infrastruktur, die Fähigkeit zu Innovation, technologischem Vorsprung und zur Realisierung marktfähiger Produkte sind Pluspunkte und Notwendigkeit für den Erfolg deutscher Chemie-Unternehmen. Die Innovationskraft der Branche ist hoch: 2010 wurden gut 9 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Der Zugang zu günstigen Rohstoffen sowie eine sichere und im internationalen Standortvergleich bezahlbare Energieversorgung werden für die rohstoff- und energieintensive Chemie ein zunehmend wichtiger Wettbewerbsfaktor. Hier haben andere Länder und Wirtschaftsregionen Standortvorteile.
Schon heute ist der deutsche Strompreis höher als in den meisten Konkurrenzländern. Durch die für Deutschland beschlossene Energiewende wird sich diese Entwicklung voraussichtlich weiter verschärfen.
 
Neue Konkurrenz von außen
 
Unternehmen, die einen direkten Zugang zu Rohstoffen haben, können sich im Chemie-Sektor einen erheblichen Wettbewerbsvorteil sichern. Die Erdöl-förderländer im Mittleren Osten spielen ihre großen Kostenvorteile zunehmend aus. Derzeit werden in großem Stil neue Fertigungskapazitäten im Nahen und Mittleren Osten wie auch in Asien aufgebaut. Bisher ertragsstarke Produkte drohen durch diese Konkurrenz zu margenschwachen Massenprodukten zu werden. Dies gilt umso mehr, als die dynamisch steigenden Rohstoff- und Energiepreise vielfach nicht an die Kunden weitergegeben werden können.
Nur mit anhaltend hoher Qualität, weiteren Produktivitätsverbesserungen, einem strikten Kosten­management sowie mit Innovationen bei Produkten und Verfahren können diese Kostennachteile ausge­glichen werden. Sonst besteht die Gefahr der Substitution durch die Konkurrenz.
 
Pharma unter Druck
 
Vor besonderen Herausforderungen steht derzeit die Pharma-Industrie in Deutschland. Sie ist weniger stark von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geprägt als vielmehr von den Rahmenbedingungen der Gesundheitssysteme. Die Pharma-Unternehmen in Deutschland sind durch die gesetzlichen Eingriffe mit grund­legenden strukturellen Veränderungen konfrontiert. 
Durch die gesetzlichen Kostendämpfungsmaßnahmen im deutschen Gesundheitswesen (z.B. Preisabschläge und Rabattverträge) sinken die Umsätze und Margen vieler — auch mittelständischer — Pharma-Unter­nehmen.
Die Umsätze im deutschen Pharma-Markt sind seit nunmehr 3 Jahren rückläufig. Zuwächse finden allein im Auslandsgeschäft statt. Die insgesamt nur schwache Umsatzdynamik resultiert auch aus einem generellen Preisverfall im Pharma-Sektor. Das Auslaufen zahlreicher Patente und der daraus resultierende zunehmende Preisdruck durch Generika verstärken diese Entwicklung.
 
Wettbewerbsfaktor Personalkosten
 
Im Jahr 2011 ist die Zahl der Chemie-Beschäftigten in Deutschland um 3 Prozent angestiegen. Die Ausbildung von qualifiziertem Nachwuchs wurde mit großem Engagement vorangetrieben, das Ausbildungsplatzangebot gegenüber dem Vorjahr um 7 Prozent ausgeweitet. Die Chemie-Unternehmen sorgen mit Blick auf die demografisch bedingte Fachkräfteverknappung vor.
Der Aufbau der Beschäftigung hat jedoch parallel zum Rückgang der Chemie-Produktion in der zweiten Jahreshälfte 2011 stattgefunden. Als Folge ist die Produktivität unter Druck geraten, während spiegelbildlich die Lohnstückkosten in der Chemie-Branche im Jahresverlauf 2011 wieder deutlich angezogen haben.
Die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten von Produktivitätsniveau und Arbeitskosten sind für die Chemie-Unternehmen am Standort Deutschland schon deshalb von Bedeutung, weil die Konkurrenz von Wettbewerbern aus Niedriglohnländern eher zu- als abnimmt. Auch innerhalb internationaler Unternehmensverbünde konkurrieren deutsche Niederlassungen und Produktionsstandorte mit Werken in anderen Ländern um Investitionen und unternehmensinterne Aufträge. Bei vergleichbarer Qualität und Güte der Produkte sind die Personal­kosten hierbei ein zentrales Differenzierungsmerkmal.
 
Verantwortungsvolle Tarifpolitik gefragt
 
Der wirtschaftliche Ausblick für das Jahr 2012 bleibt unsicher. Die schwelende Eurokrise, schwache Nachfrageimpulse in den Industrieländern, eine Verlangsamung des Wachstums in den aufstrebenden Schwellenländern und eine größere Volatilität des Marktgeschehens beeinträchtigen nach wie vor das Vertrauen der Wirtschaftsakteure. Die deutsche Chemie-Branche kämpft 2012 gegen ein Jahr der Stagnation.
Diese wirtschaftlichen Fakten müssen vor dem Hintergrund der verschärften Wettbewerbsanforderungen für den deutschen Chemie-Standort auch in der laufenden Tarifrunde Berücksichtigung finden. Jede Lohnerhöhung muss von den Chemie-Unternehmen dauerhaft neu erwirtschaftet werden.
Unrealistische Lohnforderungen — wie die von der IG BCE aktuell geforderten 6 Prozent — gefährden die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit letztlich auch der Arbeitsplätze am Chemie-Standort Deutschland.


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