Klaus-Peter Stiller im Interview
"Interessen der Mitglieder optimal vertreten"

Redaktion: Herr Stiller, vor drei Jahren sind Sie als Seiteneinsteiger nach einer Unternehmenskarriere zum Verband gekommen — der richtige Schritt?

Klaus-Peter Stiller: Definitiv ja! Ich kann meine Erfahrungen aus verschiedenen Unternehmen verbinden mit einer neuen Herausforderung. In den letzten drei Jahren habe ich vieles lernen können und freue mich nun auf die neue Aufgabe als Hauptgeschäftsführer des BAVC.
 
Warum haben Sie sich für die Chemie entschieden?
Die Chemie steht für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, gerade auch in der Tarifpolitik. Basis des gemeinsamen Erfolgs ist unsere besondere Sozial­partnerschaft. Als Personalverantwortlicher und Tarifexperte in Unternehmen anderer Branchen habe ich die Chemie immer mit großem Respekt verfolgt. Statt diese Tarifpolitik von außen zu beobachten, kann ich sie nun selbst mitgestalten — für eine gesamte Branche, nicht nur für ein einzelnes Unternehmen. Außerdem schließt sich für mich der Kreis. Ich kehre zurück in die Chemie, die Branche, in der meine Karriere begonnen hat: als Assistent des damaligen Arbeitsdirektors der Hoechst AG, Justus Mische, der zugleich BAVC-Präsident war.
 
Brauchen Verbände mehr unternehmerisches Denken?
Sicherlich hilft es, wenn im Verband die unterneh­merische Perspektive gestärkt wird. Aber ein Verband ist kein Unternehmen — und umgekehrt. Die Unterschiede in den Entscheidungswegen sind fundamental und prägen die Arbeitsweise. Im Verband geht es darum, durch Überzeugungsarbeit Mehrheiten zu formen. Im Unternehmen ist zwar auch Überzeugungs­arbeit notwendig, aber es gibt eben noch eine Instanz, die am Ende „durchregieren“ kann — die Unternehmensleitung.
 
Wie würden Sie Ihre Ziele als Hauptgeschäfts­führer in einem Satz formulieren?
Wir wollen die Interessen unserer Mitglieder bestmöglich vertreten — gegenüber Gewerkschaften, Politik und Öffentlichkeit. Dazu müssen wir Trends und Herausforderungen frühzeitig antizipieren und in Politik transformieren.
 
Ist Sozialpartnerschaft auch im 21. Jahrhundert noch die richtige Strategie für die Chemie?
Sozialpartnerschaft ist keine austauschbare Strategie; sie ist Teil unserer DNA als Chemie-Arbeitgeber. Wir können gemeinsam mit unserem Sozialpartner mehr erreichen als jeder für sich alleine leisten kann. Zugleich dürfen die vorhandenen Gegensätze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nicht übertüncht werden. Natürlich gibt es auch Konflikte, die wir mit klarer Kante angehen. Unsere Sozialpartnerschaft ist der beste Weg, diese Konflikte zu lösen.
 
Funktioniert Sozialpartnerschaft mit einem starken Partner besser?
Sozialpartnerschaft setzt voraus, dass sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen. Die IG BCE ist für uns als starker Partner unersetzlich.
 
Kerngeschäft des BAVC ist die Tarifpolitik. Wo sehen Sie hier Handlungsbedarf?
Zum einen müssen wir die zentralen Herausforderungen der Arbeitswelt frühzeitig angehen. Bestes Beispiel ist das Thema „Demografie“. Zum anderen müssen wir dafür sorgen, dass sich die Ordnungsfunktion des Tarifvertrags und die betrieblichen Spielräume in einer gesunden Balance befinden. Über allem steht, der Heterogenität der Branche gerecht zu werden. Dabei helfen unsere tariflichen Flexi-Instrumente weiter. Zugleich sollten wir gemeinsam über weitere Optionen nachdenken, um den unterschiedlichen Realitäten unserer Branche gerecht zu werden.
 
Stichwort Politik: Sind die Chemie-Arbeitgeber im Lobbying richtig aufgestellt?
Der BAVC ist in der Politik ein geschätzter und anerkannter Gesprächspartner. Gleichwohl müssen wir unsere Kontakte pflegen und ausbauen. Aus diesem Grund sollten wir mit unseren Mitgliedsverbänden diskutieren, wie wir die Interessen der Chemie-Arbeitgeber bei sozialpolitischen Themen wie Rente, Zeitarbeit oder Mindestlohn effektiver vertreten können. In Brüssel sind wir mit unserem schlagkräftigen Büro gut aufgestellt. Wir sollten prüfen, ob und unter welchen Bedingungen wir auch in eine Berliner Repräsentanz investieren wollen.
 
Macht das in Zeiten der großen Koalition überhaupt Sinn?
Gerade jetzt müssen wir uns als Chemie-Arbeitgeber positionieren. Die zentralen Themen der großen Koalition sind sozialpolitische Themen — die großen Fehler leider auch. Wir sehen mit großer Sorge, dass Reformen, die unsere Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht haben, jetzt wieder zurückgedreht werden.
 
In der Öffentlichkeit gilt die Chemie als zurück­haltend und konsensorientiert. Ein Nachteil?
Ganz im Gegenteil: Für unsere Tarifpolitik ist diese Strategie ein großer Vorteil; emotionale öffentliche Auseinandersetzungen bringen keine besseren Ergebnisse als nüchterne und pragmatische Verhandlungen. Unser Job ist es, gute Ergebnisse für die Mitglieder zu produzieren, nicht Konfliktstoff für die Schlagzeilen. Dasselbe gilt für unsere Interessenvertretung gegenüber der Politik.
 
Wie soll der Verband künftig kommunizieren?
Wir führen Debatten öffentlich, wenn es sinnvoll ist und wir nutzen andere Wege, wenn es erfolgver­sprechender ist. Für uns zählen die Resultate. Hauptziel ist nicht, den eigenen Namen in der Zeitung zu lesen. Wichtig ist für uns, dass wir in der Öffentlichkeit weiterhin glaubwürdig und verlässlich argumentieren. Dafür nutzen wir alle verfügbaren Instrumente.
 
Aktuell setzt der BAVC vor allem auf gedruckte Medien.
Das stimmt, und das werden wir ändern. Der Anteil digitaler Kommunikation wird ausgebaut, indem wir unsere Verbandsmedien neu ausrichten. BAVC-Nachrichten und -Positionen gibt es ab August digital, mobil und auch weiterhin gedruckt.
 
Sie haben sich einiges vorgenommen: Tarifpolitik weiterentwickeln, politische Präsenz stärken, Kommunikation modernisieren. Was brauchen Sie, um erfolgreich zu sein?
Alles steht und fällt mit der Geschlossenheit und Rücken­deckung unserer Mitglieder. Beides brauchen wir, um auf allen Ebenen erfolgreich Politik zu machen. Und das wiederum ist der Schlüssel, um die Interessen der Mitglieder optimal zu vertreten.
 
Letzte Frage: Was ist eigentlich ein Arbeitgeberverband? Dienstleister oder mehr?
Wer die Bedürfnisse der Mitglieder nicht erfüllt, wird nicht weit kommen. Mit unserem Know-how, unseren Kontakten und unserer Expertise müssen wir die Nachfrage nach Dienstleistungen abdecken, damit wir unserer zweiten zentralen Aufgabe gerecht werden können: Wir wollen mitdenken und vorausdenken für unsere Mitglieder.
 
Der neue BAVC-Hauptgeschäftsführer
Klaus-Peter Stiller, Jahrgang 1958, ist promovierter Jurist. Er arbeitet seit 2011 für den BAVC. Zuvor hat er umfangreiche tarif- und personalpolitische Erfahrung gesammelt, u.a. beim AXA-Konzern und der Deutschen Telekom. Er startete seine Karriere in der Chemie bei der damaligen Hoechst AG.
 


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