Chemie-Konjunktur
Stabilisierung auf niedrigem Niveau

Das Jahr 2009 hat alle Chancen, als 'annus horibilis', als 'schreckliches Jahr', in die Wirtschaftsgeschichte der deutschen chemischen Industrie einzugehen. Die mit einem zehnprozentigen Rückgang erwartete deftige Wachstumsschlappe sucht ihresgleichen: Man muss schon bis zur ersten Ölkrise und ihren Folgen zurückgehen (1975), als die Chemie einen Produktionseinbruch von 12,3 Prozent verdauen musste. Auch das Jahr 1993 brachte mit minus 8,1 Prozent einen Produktionsrückgang in ähnlicher Dimension. Der Beginn der 80er Jahre wiederum bescherte der Chemie die längste Stockungsphase, wenn auch nicht so markant negativ ausgeprägt  (1980: minus 3,6 Prozent, 1981: minus 0,3 Prozent, 1982: minus 4,0 Prozent).

Früchte des Aufschwungs dahin

Die Früchte des Aufschwungs der letzten Jahre sind dahin. Derzeit bewegt sich die deutsche Chemie-Industrie in etwa auf dem Produktionsniveau des Jahres 2003. Das Schaubild oben verdeutlicht zugleich den dramatischen Einbruch Ende letzten Jahres. Zu Beginn der Krise im Oktober 2008 hatte der Produktionsindex einen Stand von 111,2 (2005 = 100), um bis zum Dezember auf 80,8 abzustürzen – ein Rückgang von 27,3 Prozent in nur zwei Monaten.

Im Mai 2009 hatte der Index einen Wert von 92,1 erreicht, gegenüber dem Tiefstand im Dezember immerhin ein Plus von 14 Prozent. Insofern erscheint es durchaus gerechtfertigt, von einer Stabilisierung auf niedrigem Niveau zu sprechen. Im Vorjahresvergleich sind die Minusraten etwas zurückgegangen und der Verband der Chemischen Industrie (VCI) geht für das erste Halbjahr (verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum) von einem Minus in einer Größenordnung von 15,5 Prozent aus.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch für die Konjunkturindikatoren Auftragseingang und Umsatz. Dies stützt die These vom Erreichen der Talsohle. Der 'Lichtschimmer am Horizont' wird auch dadurch sichtbar, dass die Geschäftserwartungen der Chemie seit Mai erstmals wieder ins Positive gedreht haben (Grafik unten links).

Hoffnungszeichen - Fluch und Segen 

Als stabilisierendes Element kommt hinzu, dass sich der makroökonomische Rahmen – jedenfalls gemessen an den Frühindikatoren – ebenfalls leicht zu bessern scheint. Dies könnte im zweiten Halbjahr in Verbindung mit lagerzyklischen Effekten zu einer gewissen Nachfragebelebung in der Chemie führen. Sie ist als Vorlieferant eng mit anderen Branchen verflochten. Nach einer kürzlich aktualisierten Prognose des Weltwährungsfonds (IWF) könnte die Weltwirtschaft im nächsten Jahr wieder mit einer Rate von 2,5 Prozent wachsen. Insbesondere im asiatischen Raum dürfte sich die Konjunktur beleben. Erste Anzeichen sind bereits erkennbar.

Die hohe Exportabhängigkeit der deutschen Chemie, die in der Rezessionsphase als 'Fluch' gewirkt hat, könnte sich dann als 'Segen' erweisen. Andere Indizes wie das ifo-Weltwirtschaftsklima oder der Sentix-Konjunkturindex, aber auch der CLI-Index (Frühindikatorenindex) der OECD signalisieren, dass global gesehen der konjunkturelle Tiefpunkt erreicht, wenn nicht sogar schon überwunden ist.

In der Chemie spricht für das Erreichen der Talsohle auch, dass die Kapazitätsauslastung mit nur knapp über 70 Prozent ebenfalls auf einem Tiefpunkt angelangt sein dürfte (siehe Grafik oben).

Kein Grund zur Entwarnung 

Allerdings besteht zur Entwarnung kein Anlass. Rechnet man die konjunkturresistentere Pharma-Branche aus dem Chemie-Wachstum heraus, dürfte das Minus in diesem Jahr nicht bei zehn, sondern möglicherweise sogar bei 15 Prozent liegen. Offen ist auch die Frage, wie sich die Binnenkonjunktur in der zweiten Jahreshälfte entwickeln wird, wenn die – auch durch die staatlichen Programme ausgelösten – konjunkturellen Funken nicht zünden, die Produktion auf niedrigem Niveau verharrt und dann nach der Zahl der Kurzarbeiter auch die Zahl der Arbeitslosen steigt.

Andererseits liegt die Inflationsrate nahe Null, so dass sich höhere Renten und die Entgeltsteigerungen in diesem Jahr in der 'Realwirtschaft' über gestiegene Kaufkraft bemerkbar machen.

(Chemie-)Konjunktur zwischen Baum und Borke – so könnte man das Bild zusammenfassen. Eine konjunkturelle Situation, die stark von Ambivalenz geprägt ist. Das Umspringen der optimistischen Stimmungsindikatoren auf nachhaltig positive realwirtschaftliche Fakten steht derzeit noch aus.



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