Chemie-Konjunktur:
Kein Durchbruch in Sicht

Im ersten Halbjahr 2015 konnte die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland die Produktion zwar leicht ausweiten, aber der Umsatz trat wegen sinkender Chemikalienpreise und nur verhaltener Nachfrage aus Europa auf der Stelle. Konjunkturelle Impulse kamen allein aus dem Übersee-Geschäft. Im Inland waren die Erlöse rückläufig. Weiterhin leicht zugelegt hat die Beschäftigung. Allerdings deutet sich ein Auslaufen des Beschäftigungsaufbaus an.

Produktion und Kapazität
 
Die Produktion stieg nach vorläufigen Daten im ersten Halbjahr 2015 um 1 Prozent an. Die Auslastung der Kapazitäten hat sich auf durchschnittlich 84,5 Prozent verbessert, gegenüber 83,3 Prozent im Vorjahreszeitraum. Allerdings verläuft das Geschäft für die verschiedenen Chemie-Sparten sehr unterschiedlich. Die Produktionswerte in den Segmenten Fein- und Spezialchemikalien (+4 Prozent), Pharma (+2,5 Prozent) und Anorganische Grundstoffe (+1 Prozent) konnten im Vorjahresvergleich zulegen. Rückgänge verzeichneten hingegen die Herstellung von Polymeren (-1,5 Prozent) und Petrochemikalien (-2 Prozent). Konsumnahe Chemikalien verfehlten das Produktionsniveau des Vorjahres noch deutlicher (-2,5 Prozent).
 
Preise und Umsatz
 
Die Preise für Rohöl lagen im ersten Halbjahr um 46 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum. Durch die zeitgleiche Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar fiel die Kostenentlastung bei den Rohstoffen für die Unternehmen jedoch deutlich geringer aus. Die Preise für Rohbenzin (Naphtha), den bedeutendsten Rohstoff für die deutschen Chemie-Unternehmen, sanken im ersten Halbjahr deshalb nur um 30 Prozent.
 
Der hohe Wettbewerbsdruck in der Chemie-Branche zwingt die Unternehmen dazu, die niedrigeren Rohstoffkosten direkt an die Kunden weiterzugeben. Binnen Jahresfrist fielen die Preise für Chemie-Erzeugnisse deshalb um 3,1 Prozent. Erst zur Mitte des Jahres haben sich die Erzeugerpreise wieder leicht verbessert.
 
In den ersten sechs Monaten legte der Branchenumsatz bei rückläufigen Verkaufspreisen trotz gestiegener Produktionsmenge nur leicht um ein halbes Prozent auf 96,5 Milliarden Euro zu. Während der Umsatz im Inland aufgrund des negativen Preiseffektes um 1,5 Prozent gesunken ist, konnten die Erlöse im Auslandsgeschäft um 2,5 Prozent gesteigert werden. Hierbei profitierte die Branche von positiven Währungseffekten im Export. Der starke Dollar stützt derzeit die Verkäufe nach Übersee. Der Umsatz nach Nordamerika (+12 Prozent), Asien (+10 Prozent) und Lateinamerika (+15,5 Prozent) legte wechselkursbedingt jeweils zweistellig zu. In Europa war die Entwicklung hingegen rückläufig: In Westeuropa sanken die Umsätze leicht um 0,5 Prozent und im Osteuropa-Geschäft um 1,5 Prozent.
 
Beschäftigung
 
Gegenwärtig beschäftigt die Chemie-Branche nach amtlicher Abgrenzung 447.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und damit 1 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Dem Vorsorgegedanken folgend haben die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in den vergangenen Jahren trotz der nur geringen wirtschaftlichen Dynamik kontinuierlich Fachkräfte eingestellt, um für den demografischen Wandel gerüstet zu sein. So wurden seit 2010 mehr als 30.000 Neueinstellungen getätigt.
Da derzeit weder ein konjunktureller Durchbruch im Chemie-Geschäft, noch umfassende Kapazitätsausweitungen absehbar sind, könnte der Beschäftigungsaufbau nun jedoch allmählich auslaufen.
 
Kosten und Produktivität
 
Die Lohnstückkosten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie verharren nach drei Jahren des deutlichen Anstiegs auf hohem Niveau. Sie sind damit weiterhin eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemie-Unternehmen im internationalen Vergleich. Während die Entgelte je Beschäftigten im Jahr 2014 um 2,2 Prozent gestiegen waren, sank die Produktivität um 0,8 Prozent. Im Ergebnis stiegen die Lohnstückkosten um 3 Prozent an.
Dieser Trend setzt sich auch im ersten Halbjahr 2015 fort. Bei stagnierender Produktivität sind die Entgelte je Beschäftigten um 2,4 Prozent angewachsen, ebenso die Lohnstückkosten. Neben den im internationalen Vergleich hohen Energiekosten belasten damit die hohen Arbeitskosten die Attraktivität des deutschen Chemie-Standortes.
 
Konjunkturelles Umfeld
 
Die Chemie-Unternehmen beurteilen die aktuelle Geschäftslage laut jüngster ifo-Umfrage per Saldo überwiegend positiv. Allerdings bleibt ein hohes Maß an Unsicherheit und Skepsis. Die konjunkturellen Risiken belasten die Stimmung und die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate.
 
Danach dürfte sich der leichte Aufwärtstrend in der chemisch-pharmazeutischen Industrie in den kommenden Monaten fortsetzen. Trotz der allmählichen Erholung in Europa ist jedoch nicht mit einer deutlichen Verbesserung zu rechnen. Die Entwicklung der Chemie-Konjunktur bleibt somit kraftlos, da nachhaltige Impulse von der Weltwirtschaft fehlen.
Es gibt weiterhin eine Reihe von Unsicherheiten, die sich negativ auf den Konjunkturverlauf auswirken können. Nach wie vor bleiben die Risiken im Euro-Raum sowie die Konfliktherde Russland—Ukraine und Nahost bestehen. Hinzu gekommen sind nunmehr Turbulenzen an der chinesischen Börse und die Gefahr einer anhaltenden Abkühlung des Wachstums in China.
 
Ausblick
 

Für das Gesamtjahr erwartet der Verband der Chemischen Industrie (VCI) unverändert ein Produktionsplus von 1,5 Prozent. Die Erzeugerpreise dürften auf Jahressicht um 2 Prozent sinken. Der Umsatz sollte nunmehr leicht um 0,5 Prozent auf 191,8 Milliarden Euro steigen. Aufgrund des schwachen Euros ist dabei von steigenden Erlösen im Auslandsgeschäft (+2 Prozent) auszugehen, die den rückläufigen Umsatz im Inlandsgeschäft (-1 Prozent) überkompensieren



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