Konjunktur und Beschäftigung
Flexible Reaktion

Um das ganze Ausmaß der dramatischen Rezession in der deutschen Chemie darstellen zu können, empfiehlt sich ein Blick auf die Entwicklung seit Oktober 2008. Ab diesem Monat begann ein bislang nicht gekannter Absturz der wirtschaftlichen Aktivitäten.

Um den Verlauf wichtiger Indikatoren zu verdeutlichen und gleichzeitig kurzfristige saisonale Schwankungen auszuschließen, wurden die relevanten Zeitreihen saisonbereinigt und auf die gemeinsame Basis Oktober 2008 = 100 bezogen.

Produktionseinbruch

Danach sank die Chemie-Produktion saisonbereinigt von Oktober bis Dezember 2008 um 18,2 Prozent auf einen Indexstand von 81,8. Seither ist es tendenziell wieder etwas nach oben gegangen. Insbesondere im Juni/Juli gab es eine merkliche Erholung (aktueller Indexstand 90,1). Dennoch: Die Chemie-Produktion liegt nach wie vor rund 10 Prozent unter dem Ausgangsniveau vom vergangenen Oktober.

Wie das Schaubild ferner ausweist, haben die Chemie-Unternehmen mit einer Anpassung der Arbeitszeit reagiert, die allerdings weit geringer ausgefallen ist als es dem Absturz der Produktion entsprochen hätte.

Arbeitszeitreaktion

Als Arbeitszeitindikator wurden hierbei die monatlich geleisteten Arbeitsstunden je Beschäftigten zugrunde gelegt. Von Oktober 2008 bis zum Januar dieses Jahres sank die monatliche Arbeitszeit je Beschäftigten um rund 7,5 Prozent. In den Monaten bis Juli hat sie sich wieder konsolidiert und liegt mit einem Indexwert von 97,8 fast wieder auf dem Ausgangsniveau. In saisonbereinigter Rechnung belief sich die effektive monatliche Arbeitszeit je Chemie-Beschäftigten im vergangenen Oktober auf 135 Stunden. Bis zum Januar dieses Jahres sank dieser Indikator auf 125 Stunden. Er liegt zur Jahresmitte (Juli) inzwischen wieder bei 132 Monatsstunden.

Die Anpassungsreaktion erfolgte in erheblichem Ausmaß über Kurzarbeit. Die Anzahl der Chemie-Beschäftigten in Kurzarbeit war laut BA-Statistik bis April dieses Jahres erwartungsgemäß in die Höhe geschnellt. In den Folgemonaten ist die Zahl der Kurzarbeiter nicht weiter gestiegen, sondern leicht zurückgegangen.

Die Chemie-Unternehmen nutzen zudem die tariflichen Flexibilisierungs-Instrumente, wozu gerade auch der Arbeitszeitkorridor sowie die Nutzung von Verteilzeiträumen und Arbeitszeitkonten zählen. Mit einer gemeinsamen Erklärung von IG BCE und BAVC zur Nutzung der tariflichen Flexi-Instrumente (siehe Informationsbrief 7/2009) haben die Chemie-Sozialpartner präzisiert und bekräftigt, dass und wie die einzelnen Instrumente zum Einsatz kommen können.

Beschäftigung bemerkenswert stabil

Bemerkenswert stabil ist der Krise zum Trotz die Beschäftigungsentwicklung. Dies entspricht dem generellen Bild der Chemie als „beschäftigungsstabilisierender Faktor“. In Aufschwungphasen ist der Beschäftigungsanstieg meist weniger stark ausgeprägt als im industriellen Durchschnitt. Aber in Abschwungphasen ist die Beschäftigungsanpassung nach unten in der Chemie ebenfalls unterdurchschnittlich. Dies hängt im Wesentlichen mit den produktionstechnischen Bedingungen in der Branche zusammen.

Darüber hinaus haben die Chemie-Unternehmen nicht nur aus den letzten Rezessionen ihre Lehren gezogen, sondern auch den zukünftigen demografischen Wandel im Auge: An dem – früher oder später – bevorstehenden Aufschwung wird nur der in vollem Umfang partizipieren können, der auf eine „intakte“ Belegschaft bauen kann. Zudem sind die Chemie-Unternehmen gut beraten, dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel rechtzeitig zu begegnen. Der Demografie-Tarifvertrag mit seiner Maßgabe, eine Demografie-Analyse durchzuführen, liefert hierfür eine empirische Basis. Mit freiwilligen Betriebsvereinbarungen können die Unternehmen auf ihre spezifische Situation reagieren und die geeigneten beschäftigungspolitischen Maßnahmen ergreifen (siehe Seite 7).

In saisonbereinigter Rechnung hat die Chemie-Beschäftigung von Oktober letzten Jahres bis zum Juli dieses Jahres um zwei Prozent abgenommen. Damit ist der Beschäftigungsrückgang in der Chemie-Branche nur halb so groß wie in der gesamten Indus-trie (minus 3,9 Prozent).

Lohnstückkosten massiv gestiegen

Die Chemie-Sozialpartner haben sich frühzeitig darauf verständigt, dass betriebsbedingte Kündigungen nur als ultima ratio in Betracht kommen. Die Maßnahmen zur Stabilisierung der Beschäftigung führen allerdings zu einem massiven Anstieg der Lohnstückkosten, also der Lohnkosten je Produkteinheit. Im ersten Quartal 2009 stiegen sie auf einen Indexwert von fast 120. In den wirtschaftlich guten Jahren zuvor waren sie dagegen weitgehend stabil geblieben. Diese Stabilität war ein Beitrag zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemie-Industrie.

Ertragsrückgänge

Die schwierige konjunkturelle Lage in der Chemie hat auf breiter Front zu Ertragsrückgängen bis hin zu massiven Verlusten im Einzelfall geführt. Allerdings signalisieren die Frühindikatoren wie zum Beispiel der ifo-Konjunkturtest, dass das Schlimmste hinter uns liegen dürfte. Geht es aber mit der Wirtschaft generell und damit auch mit der Chemie in absehbarer Zeit nicht erkennbar bergauf, wird die Beschäftigungs-frage neu gestellt werden müssen.

 



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