Chemie-Arbeitskosten:
Wettbewerbsfähigkeit unter Druck

Die Unternehmen der westdeutschen Chemie-Industrie mussten im Jahr 2014 je vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer im Schnitt Arbeitskosten von gut 84.000 Euro schultern, 1,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In der ostdeutschen Chemie betrug der Anstieg sogar 2,5 Prozent auf gut 56.000 Euro. Dies geht aus aktuellen Berechnungen des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC) hervor.

Da entsprechende Produktivitätssteigerungen in der deutschen Chemie-Branche zuletzt ausgeblieben sind, ergibt sich aus dem Arbeitskostenanstieg eine weitere Verschlechterung der internationalen Kostenwettbewerbsfähigkeit. Die Lohnstück­kosten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie als wichtiges Maß für die Konkurrenzfähigkeit der Branche sind im Jahr 2014 zum vierten Mal in Folge angestiegen: um 3,0 Prozent.
 
Chemie-Arbeitsstunde kostet 52,96 Euro
 
Die Arbeitskosten betrugen im Jahr 2014 in Westdeutschland 52,96 Euro je geleisteter Arbeitsstunde. Gegenüber dem Vorjahr ist dies ein Kostenanstieg um 1,9 Prozent. Bereits im Jahr zuvor hatten sich die Arbeitskosten je Stunde von 50,30 Euro (2012) um deutliche 3,3 Prozent auf 51,98 Euro (2013) erhöht.
Die ostdeutschen Chemie-Unternehmen mussten im Jahr 2014 insgesamt 34,33 Euro je Beschäftigtenstunde aufwenden. Dies sind 2,4 Prozent mehr als noch im Jahr davor. Auch hier hatte sich bereits zuvor die Arbeitsstunde von 32,46 Euro (2012) auf 33,52 Euro (2013) um 3,3 Prozent verteuert.
Verschiedene Gründe erklären den Niveau-Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland: Trotz erfolgter Angleichung bei der Lohnhöhe führt die unterschiedliche Beschäftigtenstruktur in Ostdeutschland zu niedrigeren Direktentgelten und Sonderzahlungen. Weiterhin ist die betriebliche Altersversorgung historisch bedingt weniger stark ausgebaut als im Westen der Republik. Bei der Kostenbetrachtung je Arbeitsstunde fällt zudem die unterschiedliche Wochenarbeitszeit ins Gewicht.
 
Struktur der Chemie-Arbeitskosten
 
Die Ergebnisse im Einzelnen: Die westdeutschen Chemie-Arbeitskosten in Höhe von 84.193 Euro für einen Vollzeitbeschäftigten setzen sich aus mehreren Komponenten zusammen. Der Bruttojahresverdienst eines Mitarbeiters (63.551 Euro) besteht aus dem Direktentgelt (48.237 Euro), der Vergütung arbeitsfreier Tage für Urlaub, Feiertage und Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall (10.527 Euro) sowie den fest vereinbarten Sonderzahlungen (4.787 Euro) für Weihnachts- und Urlaubsgeld. Aus Sicht des Arbeitnehmers entspricht der Bruttojahresverdienst dem Wert, den er am Jahresende auf dem Lohnzettel vorfindet.
Für die Unternehmen ist jedoch nicht allein der zu zahlende Bruttojahresverdienst entscheidend, sondern die gesamten durch die Beschäftigung verursachten Kosten. Hier kommen zunächst die Sozialversicherungsbeiträge des Arbeitgebers (10.080 Euro) hinzu. Weiterhin gilt es, die Aufwendungen für die tarifliche und betriebliche Altersversorgung (6.397 Euro) zu berücksichtigen sowie die sonstigen Personalzusatzkosten (4.165 Euro), z.B. Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung, Abfindungen oder Kantinenzuschüsse.
 
Diese zusätzlichen Kostenbestandteile addieren sich im Jahr 2014 in der westdeutschen Chemie auf 32,5 Prozent des Bruttoentgelts. Zieht man von den Arbeitskosten (84.193 Euro) das Direktentgelt für tatsächlich geleistete Arbeit (48.237 Euro) ab, so erhält man die gesamten Personalzusatzkosten (35.956 Euro). Auf das Direktentgelt gerechnet ergibt sich so eine Personalzusatzkostenquote von 74,5 Prozent.
In der ostdeutschen Chemie betrugen die Arbeitskosten je Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2014 insgesamt 56.164 Euro, der Bruttojahresverdienst lag bei 44.421 Euro und die Personalzusatzkostenquote betrug 66,0 Prozent.
 
Zentraler Kostenfaktor
 
Das Niveau der Arbeitskosten in der Chemie-Branche ist hoch, national wie international. So lagen die Chemie-Arbeitskosten im Jahr 2014 um gut ein Drittel über dem Niveau des Produzierenden Gewerbes. Auch im internationalen Vergleich ist die deutsche Chemie bei den Arbeitskosten teurer als die Konkurrenz (siehe Ausgabe 2/2015).
Die deutsche Chemie ist Hightech- und Hochlohn-Branche zugleich. Mit qualifizierten Belegschaften erzielen die Chemie-Unternehmen Geschäftserfolge auf nationalen und internationalen Märkten, indem sie innovative und qualitativ hochwertige Produkte und Services mit hoher Produktivität herstellen und vermarkten können. 
Die Arbeitskosten sind bezogen auf die Wertschöpfung hierbei der bedeutendste Kostenfaktor. Laufen die Arbeitskosten der Produktivität davon, ist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr.Genau diese Entwicklung kennzeichnet gegenwärtig die Situation in der chemischen Industrie: Die Entgelte je Beschäftigten in der Chemie-Branche sind von 2010 bis 2014 um 12,9 Prozent angestiegen und treiben damit die Arbeitskosten nach oben. Gleichzeitig hat sich die Produktivität in diesem Zeitraum im Trend rückläufig entwickelt (minus 4,8 Prozent), denn ein Zuwachs bei der Beschäftigung (plus 7,2 Prozent) ging mit stagnierender Chemie-Produktion einher. Das Produktionsniveau lag im Jahr 2014 nur 2,1 Prozent höher als noch im Jahr 2010. In der Folge sind die Lohnstückkosten massiv in die Höhe geschossen: Sie lagen 2014 um gut 18 Prozent höher als noch im Jahr 2010.
Um konkurrenzfähig zu bleiben, ist jetzt dringend wieder mehr Kostendisziplin nötig. Ansonsten gefährden die weiter steigenden Arbeits- und Lohnstückkosten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit auch der Arbeitsplätze in der Chemie-Branche.


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