20 Jahre Deutsche Einheit
Die Lage ist besser als die Stimmung

„Trotz aller Probleme verläuft die deutsche Vereinigung angesichts der Ausgangsbedingungen wesentlich besser als es die Stimmung in Ost und West ausdrückt.“
„Es droht heute mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten, dass die friedliche Revolution in der DDR zu einem guten Teil aus der weitreichenden Unzufriedenheit über die wirtschaftlichen Bedingungen, die Umweltsituation und die staatliche Bevormundung resultierte. Mit der deutschen Vereinigung und der Einführung der Marktwirtschaft haben die Menschen in Ostdeutschland nicht nur die Freiheit wiedergewonnen, die ihnen jahrzehntelang verwehrt war, sondern auch die materiellen Lebensverhältnisse haben sich gegenüber dem Jahr 1989 enorm verbessert. (...) In einer Gesamtschau (...) wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen seit 1989 (...) muss die deutsche Einheit trotz aller fortbestehenden Probleme als Erfolg gewertet werden.“

 „Auf gutem Weg“

Das sind die Schlussfolgerungen zweier wissenschaft-licher Gutachten, die die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) bei der FU Berlin – Forschungsverbund SED-Staat und beim ifo-Institut Dresden in Auftrag gegeben hat. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), das den Aufbau Ost „auf gutem Weg“ sieht: „Kaum einer hätte erwartet, dass in Mitteleuropa eine derartige Re-Industrialisierung möglich sei.“

 Aufholprozess

Die Autoren dieser Studien kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass die Deutsche Einheit aus wirtschaftlicher, sozialer und politischer Sicht weit besser vorangekommen ist, als es sich bei oberflächlicher Betrachtung darstellt. Die empirische Wirtschafts- und Sozialstatistik dokumentiert einen – wenn auch nicht reibungslos verlaufenden – Aufholprozess im Osten.

Frustrierende Illusionen ...

Die subjektiven Wahrnehmungen sind indes andere: Im Osten wird die alte DDR häufig mit der so genannten „Ostalgie“ verklärt. Kaum mehr vergegenwärtigt man sich, dass weder politische Freiheit noch Reisefreiheit bestand und dass die wirtschaftliche Lage weitaus katastrophaler war, als sie in den offiziellen Berichten geschönt und manipuliert dargestellt wurde.

Zudem herrscht Unzufriedenheit, weil der Aufholprozess und die Angleichung von Ost und West nicht so schnell wie erhofft vorangekommen ist. Angesichts einer DDR, die zu ihrem Ende faktisch vor dem Staatsbankrott stand und nur noch am Tropf westlicher Devisen überlebte, haben sich Verheißungen von „blühenden Landschaften“ sowohl in Ost wie in West als frustrierende Illusion erwiesen.

Dass gleichwohl enorme Fortschritte gemacht wurden, zeigt sich nicht nur bei Betrachtung der ost- und westdeutschen Daten. Vielmehr verdeutlicht auch ein Blick auf die mittel- und osteuropäischen Nachbarn, die auf die Ressourcen der „Brüder und Schwestern im Westen“ nicht zurückgreifen konnten, dass sich die Situation in den neuen Bundesländern alles in allem signifikant verbessert hat.

 ... auch im Westen

Im Westen dagegen fühlt man sich von den Lasten der Deutschen Einheit „gebeutelt“ – brutto knapp zwei Billionen Euro zwischen 1990 und 2009 (FU Berlin).

Ein erheblicher Teil der Transfers erfolgte durch gezielte Sonderzahlungen für Ostdeutschland, ferner durch den so genannten Finanzausgleich, insbesondere aber durch Umverteilung im Rahmen der Sozialversicherungen. Die FU-Studie kritisiert, dass die damalige Bundesregierung den größten Teil der Transfers auf die Sozialkassen abgewälzt habe, „um die Höhe der Vereinigungskosten zu verschleiern.“ Hauptlasttragende der Einheit und deren Finanzierung waren demnach Arbeitnehmer mit einem sozialversicherungspflichtigen Einkommen zwischen 3.500 und 6.000 Euro. Beamte und Selbstständige seien im Gegensatz dazu „nur unterdurchschnittlich betroffen“. Dies hat den Eindruck genährt, bei der Finanzierung der Deutschen Einheit sei es nicht ausreichend gerecht zugegangen.

Wohlstandsexplosion

Die Gutachten weisen darauf hin, dass der Osten heute deutlich besser dasteht als vor 20 Jahren. So ist das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner im Osten (1991 bis 2007) von 7.300 Euro auf 21.300 Euro angestiegen. Das ist ein Zuwachs von 192 Prozent. Im Westen betrug der Anstieg dagegen 42 Prozent auf 31.300 Euro, allerdings bezogen auf ein weit höheres Ausgangsniveau.

Nimmt man die monatlich verfügbaren Einkommen je Einwohner hinzu, zeigt sich ein ähnliches Bild (1991 bis 2006). Diese stiegen im Osten um 106 Prozent auf 1.224 Euro, im Westen um 38 Prozent auf 1.583 Euro.

Die Bruttolöhne und –gehälter je Arbeitnehmer und Jahr sind (1991 bis 2008) um über 100 Prozent auf 22.370 Euro gestiegen und erreichen inzwischen 78 Prozent des Westniveaus. Dies entspricht in etwa dem Produktivitätsverlauf. Nimmt man die regionalen Kaufkraftunterschiede hinzu, so haben die realen ostdeutschen Haushaltseinkommen etwa 80 bis 85 Prozent des Westniveaus erreicht.

 Gewinner Ost-Rentner

Eindeutige Gewinner der Deutschen Einheit sind die Ost-Rentner, die im Jahr 2007 eine durchschnittliche Monatsrente von 805 Euro erhielten, verglichen mit 693 Euro im Westen. Neben der Angleichung der Rentenversicherungssysteme reflektiert dies insbesondere die unterschiedlichen Erwerbsbiografien und die deutlich höhere Frauenerwerbsquote im Osten.

Auch die Ausstattung mit Wohnung und langlebigen Konsumgütern hat sich dem westdeutschen Niveau inzwischen weitgehend angeglichen. Dies gilt insbesondere für die unteren und mittleren sozialen Gruppen. Die Wohlstandssteigerung zeigt sich nicht nur in der generell wesentlich besseren Güterverfügbarkeit, sondern auch in der deutlich gesunkenen Arbeitszeit, die ein Arbeitnehmer zum Erwerb speziell von „Luxusgütern“ aufwenden muss.

 Der Ost-West-Vergleich

 

1991

2007

West = 100

 

 

Einwohner

25

21

Bruttoinlandsprodukt (BIP)
je Einwohner1)

33

67

Haushaltsnettoeinkommen2)

54

765)

Arbeitskosten1):
Entgelt je Arbeitnehmer

49

77

Tarifliche Grundvergütung

60

96,87)

Arbeitszeit: Jahresstunden
je Arbeitnehmer

99

--

Produktivität1): Reales BIP
je Erwerbstätigen

42

77

Investitionen je Einwohner

66

866)

Kapitalstock je Beschäftigten

40

826)

Exportquote1)

52

70

Erwerbsbeteiligung1)

96

88

Selbstständigenquote1)

50

100

Arbeitslosenquote1)

207

2141)

Öffentliche Infrastruktur
je Einwohner3)

50

834)

1) Ohne Berlin; 2) SOEP; 2005: Einkommens- und Verbrauchsstichprobe; 3) Anlagevermögen der Länder und Gemeinden je Einwohner; 4) Schätzung; 5) 2006; 6) 2005; 7) 2008.
Datenbasis: Arbeitskreis Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, BA, BMG, BMF, DPMA, DIW, ifo, SOEP, Creditreform, Arbeitskreis Steuerschätzung, Forschungsinstitute, StBA.
Quelle: IW Köln: Deutschland in Zahlen 2006 und 2008, S. 129.

Lesetipps

  • Klaus Schroeder, Deutschland 20 Jahre nach dem Mauerfall – eine Wohlstandsbilanz, Forschungsverbund SED-Staat Freie Universität Berlin, Juli 2009. 
  • ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, Niederlassung Dresden, Joachim Ragnitz, Bestandsaufnahme der wirtschaftlichen Fortschritte im Osten Deutschlands 1989 – 2008, Juli 2009.
  • IWH, Deutschlands Transformation seit 1990 im Spiegel wirtschaftlicher und sozialer Indikatoren, September 2009, IWH-Sonderheft 1/2009.


Downloads

Typ Dateiname Dateigröße
pdf ib_1109_Deutsche_Einheit.pdf 227,1 KB

BAVC-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie Nachrichten, Infodienste und Pressemitteilungen bequem per E-Mail

BAVC auf Twitter

Folgen Sie dem BAVC auf Twitter, um aktuelle Informationen und Neuigkeiten des Verbandes in Echtzeit zu erhalten.

BAVC-Partner

Heute Morgen Sozialpartnernetz Berufskompass Chemie Chemiepensionsfonds So.WIN mint UCI CSSA INQA
VOILA_REP_ID=C12574AC:00338A87