Ausbildungsmarkt
Talente und Potenziale richtig nutzen

Auch im Jahr 2013 strömen junge Menschen wieder zahlreich an die deutschen Hochschulen: Laut Statistischem Bundesamt haben sich in diesem Jahr mehr als 500.000 Erstsemester eingeschrieben. Der zweithöchste Wert seit 2011 — auch bedingt durch die doppelten Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern. Damit bewegt sich die Zahl der Studienanfänger sogar knapp über dem Niveau der dualen Berufsausbildung: Hier wurden zum Bilanzstichtag am 30. September rund 482.000 Ausbildungsverträge von Industrie, Handel, Handwerk und freien Berufen gezählt. Dies sind 4,1 Prozent weniger als im Vorjahr, wobei die Zahl der betrieblich gemeldeten Ausbildungsstellen nahezu konstant geblieben ist. Insgesamt verzeichnet der Ausbildungsmarkt im Jahr 2013 zum sechsten Mal in Folge mehr unbesetzte Lehrstellen als unversorgte Bewerber. Vor dem Hintergrund dieser gegenläufigen Entwicklung der Bildungssysteme mehren sich die Stimmen, die vor einer übermäßigen Akademisierung der Gesellschaft und einer Verdrängung der dualen Berufsausbildung warnen.
 
Trend zu höheren Schulabschlüssen
 
Technologischer Wandel, kurze Innovationszyklen, hoher Internationalisierungsgrad der Wirtschaft: Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft ist Bildung ein Schlüsselfaktor für Wohlstand und sozialen Aufstieg. Daher überrascht es nicht, dass Eltern für ihre Kinder anspruchsvolle Bildungsziele haben: Ein möglichst hoher Schulabschluss, d.h. der Erwerb der Hochschulreife, sowie die Option eines Studiums spielen dabei eine zentrale Rolle. So ist die Abiturientenquote in den vergangenen Jahren in Deutschland auf mittlerweile fast 50 Prozent eines Jahrgangs angestiegen. In Folge dessen hat auch die Studierneigung der Jugendlichen entsprechend zugenommen.
 
Begleitet wird der Trend zu höheren Schulabschlüssen durch den demografischen Wandel. Er wird dazu führen, dass die Zahl der Schulabsolventen bis 2025 insgesamt um 13,8 Prozent (rund 1,6 Millionen Schüler) zurückgeht. Besonders stark betroffen sind der Sekundarbereich I und die berufsbildenden Schulen. Beide Entwicklungen zusammengenommen bedeuten vor allem eines: Junge Nachwuchskräfte werden ein knappes Gut, insbesondere für das duale Ausbildungssystem, dessen Bewerberreservoir durch den Akademisierungstrend zusätzlich unter Druck gerät. Schon heute fällt es den Unternehmen in einigen Regionen Deutschlands schwer, für bestimmte Ausbildungsberufe geeignete Bewerber zu finden und die angebotenen Ausbildungsstellen auch tatsächlich zu besetzen.
 
Nachwuchssorgen bei Facharbeitern
 
Maßgeblich getragen wird das allgemeine Streben nach höheren formalen Abschlüssen durch die öffentliche Debatte der letzten Jahre um einen sich ausweitenden Fachkräftemangel, der lange Zeit einseitig als Engpass im Segment der akademisch Qualifizierten diskutiert wurde. Aktuelle Modellrechnungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) machen jedoch deutlich, dass gerade in der mittleren Qualifikationsebene —  bei klassischen Berufen des dualen Ausbildungssystems — mit erheblich stärkeren Engpässen zu rechnen ist als im akademischen Bereich.
Aufgrund der demografischen Entwicklung im Segment der beruflich Qualifizierten werden zwischen 2010 und 2030 11,5 Millionen Erwerbspersonen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Gleichzeitig rücken aber nur 7 Millionen Personen nach. Eine besondere Herausforderung ergibt sich für das berufliche MINT-Segment: Laut dem MINT-Herbstreport 2013 kann hier nach derzeitigen Prognosen nicht einmal der demografische Ersatzbedarf bis 2020 gedeckt werden. Es ist davon auszugehen, dass ohne zusätzliche Maßnahmen zur Fachkräftesicherung am Ende des Jahrzehnts rund 1,4 Millionen beruflich qualifizierte MINT-Fachkräfte fehlen werden. Bei den MINT-Akademikern dürfte es im gleichen Zeitraum gelingen, den demografischen Ersatzbedarf zu decken. Berücksichtigt man allerdings noch den zusätzlich wirksamen Expansionsbedarf, so ergibt sich hier eine Lücke von über 100.000 MINT-Akademikern bis Ende 2020.
 
Differenzierte Fachkräftedebatte notwendig
 
Diese Zahlen belegen, dass die Debatte um den Fachkräftemangel zukünftig differenzierter und verstärkt mit dem Blick auf das Segment der beruflich Qualifizierten geführt werden muss. Denn gerade die Herausbildung einer exzellenten Facharbeiterschaft gehört zu Deutschlands zentralen Standortvorteilen, die im globalen Wettbewerb nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollten. Dennoch darf in der Diskussion um die Nachwuchskräfte der Zukunft die berufliche und die akademische Bildung nicht gegeneinander ausgespielt werden. Unternehmen benötigen unterschiedliche Qualifikationen und sind auf Absolventen beider Bildungsbereiche angewiesen.
 
Talente statt Abschlüsse fördern
 
So war der Ausbau der Hochschulen in den letzten Jahren eine konsequente und richtige Entscheidung. Hier gilt es auch in Zukunft, durch die Förderung unterschiedlicher Hochschularten sowie den Fokus auf MINT-Studiengänge die notwendigen Weichenstellungen für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland vorzunehmen. Die hohen Abbrecherquoten in einzelnen Studiengängen von über 40 Prozent machen es erforderlich, die Studienorganisation zu optimieren und die Studenten intensiver zu betreuen. Außerdem ist die Eignung bzw. Studierfähigkeit von Schulabgängern kritisch zu hinterfragen. Ziel muss sein, die Talente jedes Einzelnen frühzeitig zu erkennen und bestmöglich zu fördern. Eine einseitige Fokussierung auf den höchsten formalen Abschluss wird diesem Anspruch nicht gerecht und kann auch langfristig nicht die gewünschten Erfolge liefern - weder für die betreffende Person, die Unternehmen noch für den Standort Deutschland insgesamt.
 
Berufliche Bildung attraktiv gestalten
 
Um die vorhandenen Talentreservoire und die damit verbundenen Bildungspotenziale optimal auszuschöpfen, ist es auch notwendig, die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung weiter zu verbessen. Kein Bildungsweg darf als Einbahnstraße wahrgenommen werden. Gleichzeitig sind Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gefordert, die Bedeutung und die Chancen der beruflichen Bildung für den Wirtschaftsstandort Deutschland angemessen in der öffentlichen Debatte herauszustellen. Und nicht zuletzt müssen die Akteure des dualen Systems selbst dafür Sorge tragen, Ausbildung unter neuen Rahmenbedingungen attraktiv für Schüler und Unternehmen zu gestalten. Hierzu müssen neue Zielgruppen - wie benachteiligte Jugend­liche - stärker für die Ausbildung erschlossen werden. Aber auch innovative Qualifizierungskonzepte für leistungsstarke Schulabsolventen gehören dazu.
 
Standpunkt von BAVC-Präsidentin Margret Suckale
 
‚Ausbildungslücke’ — das war vor einigen Jahren noch das Schlagwort. Es gab zu wenig Stellen für zu viele Bewerber. Mittlerweile hat sich die Situation umgekehrt. Zwar gibt es mehr Stellen. Aber es gibt immer weniger junge Menschen, die sich für eine Ausbildung entscheiden. Viele gehen an die Hochschulen. Manch einer redet schon vom ‚Akademisierungswahn’. Dabei wird nicht jeder Student an der Uni glücklich. Das zeigt die hohe Zahl der Studienabbrecher. Unsere duale Ausbildung ist eine attraktive Alternative, die im Anschluss interessante Karrierechancen bietet. Wir Sozialpartner, aber auch die Politik und die Medien, sollten das immer wieder herausstellen. Gemeinsam können wir dazu beitragen, dass jeder junge Mensch seinen Weg ins Berufsleben finden kann.“ 


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