Tarifrunde: Fakten-Check

Grundlage von Tarifverhandlungen sind die wirtschaftliche Entwicklung und die wirtschaftliche Perspektive der jeweiligen Branche. Hier ein Überblick der wichtigsten Fakten zur Chemie-Tarifrunde 2016.

Deutsche Wirtschaft wächst stabil?

2015 ist die deutsche Wirtschaft um 1,7 Prozent gewachsen, nach 1,6 Prozent in 2014. Im laufenden Jahr wird ein Zuwachs von rund 1,6 Prozent erwartet. Das ist ein gleichbleibendes Wachstum, aber auf einem historisch betrachtet niedrigen Niveau. Das Wachstum der deutschen Industrieproduktion liegt zudem seit Jahren unter dem Wirtschaftswachstum insgesamt, zuletzt in der Chemie unter 1 Prozent. Und auch für 2016 erwartet die Branche wieder nicht mehr als 1 Prozent. Dieses Wachstum in Trippelschritten kann keine Basis für Forderungen nach historisch hohen Reallohnerhöhungen sein.

Europa auf Erholungskurs?

In vielen Staaten Europas ist die Rezession der Finanz- und Wirtschaftskrise endlich überwunden und die Wirtschaft beginnt wieder zu wachsen. Die Wachstumsraten wichtiger Industriestaaten sind aber weiterhin gering: Die EU-Kommission erwartet in diesem Jahr für Frankreich 1,3 Prozent, für Italien 1,4 Prozent und für die EU insgesamt 1,9 Prozent. Mit diesem Tempo wird es noch Jahre brauchen, bis die Verluste aus der Krise aufgeholt sind. Impulse für die deutsche Industrie gehen von diesem geringen Wachstum der EU-Partner kaum aus.

Zunahme der weltwirtschaftlichen Dynamik?

Die Wachstumserwartungen für die Weltwirtschaft in 2016 sind in den vergangenen Monaten mehrfach nach unten korrigiert worden: Laut Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) von 3,8 Prozent im April 2015 über 3,6 Prozent und 3,4 Prozent auf aktuell nur noch 3,2 Prozent. Für 2017 erwartet der IWF derzeit noch ein Wachstum der Weltwirtschaft von 3,5 Prozent — und damit kaum mehr als 2016. Eine Zunahme der Dynamik sieht anders aus.

Wechselkurse, Zinsen und Ölpreis = Rückenwind?

Trotz des dreifachen Konjunkturprogramms aus Wechselkursen, Zinsen und Ölpreis wächst die deutsche Wirtschaft nur verhalten. Das wirft Fragen zur zukünftigen Entwicklung ohne diese massive Unterstützung auf, denn Zinsen und Ölpreise können kaum noch weiter sinken. Bei zusätzlichen Geschäften, die durch günstige Wechselkurse und Ölpreise auch in einigen Bereichen der chemischen Industrie entstehen, handelt es sich zudem um einmalige Effekte. Sobald sich Wechselkurse oder Ölpreis — wie zum Teil schon geschehen — wieder in die andere Richtung bewegen, verschwinden diese Effekte. Sie können somit keine Begründung für die dauerhaft wirkende Erhöhung von Tarifentgelten sein.

Weitere Stärkung des Konsums ist notwendig?

Die deutsche Wirtschaft wächst in den letzten Jahren hauptsächlich getrieben vom privaten Konsum. Die Industrie hinkt der Entwicklung hinterher. Von einer zusätzlichen Stärkung des privaten Konsums in Deutschland haben weite Teile der deutschen Industrie wenig. Private Konsumenten kaufen keine Basischemikalien oder Maschinen. Außerdem: Von einer Lohnerhöhung um 100 Euro kommen nach Abzug von Steuern und Abgaben, der durchschnittlichen Sparquote, der Ausgaben für Importprodukte usw. nur rund 30 Euro als Konsum in der deutschen Wirtschaft an.

Deutsche Chemie baut Marktanteile aus?

Viele Chemie-Unternehmen in Deutschland sind international erfolgreich – und das müssen sie auch bleiben. Denn die Basis für viele Betriebe ist der Export und ihre globale Wettbewerbsfähigkeit. Der Anteil der deutschen Chemie am Weltmarkt sinkt aber seit Jahren: 1995 lag er bei 8,7 Prozent, zuletzt bei nur noch 4,6 Prozent. Dabei wachsen nicht nur andere Weltregionen schneller; die deutsche Chemie stagniert und schrumpft in Teilen sogar.

Kapazitätsauslastung der Chemie auf hohem Niveau?

Die Kapazitätsauslastung der chemisch-pharmazeutischen Industrie lag im ersten Quartal 2016 in Deutschland bei 83,6 Prozent und damit unter dem langjährigen Schnitt, der - gerechnet seit dem Jahr 2000 - 83,9 Prozent beträgt. Im ersten Quartal 2015 lag die Kapazitätsauslastung dagegen noch bei 84,1 Prozent und im ersten Quartal 2014 sogar bei 85,1 Prozent.

Wachsende Kluft zwischen Kapital- und Arbeitnehmereinkommen?

Die Lohnquote (der Anteil der Einkommen aus unselbständiger Arbeit am Volkseinkommen) ist in Deutschland zu Beginn der 2000er Jahre von gut 70 Prozent auf rund 64 Prozent gefallen. Zuletzt ist die Quote aber gestiegen und liegt wieder bei etwa 68 Prozent. Zudem sind gerade die Chemie-Beschäftigten in den letzten Jahren fair am wirtschaftlichen Erfolg der Branche beteiligt worden. Seit 2010 sind die Tariflöhne um 15 Prozent gestiegen, die Verbraucherpreise dagegen nur um 7 Prozent. Das ist ein deutliches tarifliches Reallohnplus von 8 Prozent.

Chemie-Konjunktur startet durchwachsen

Der Start in das Jahr 2016 ist in der deutschen Chemie von weiter fallenden Umsätzen geprägt. Gegenüber dem ersten Quartal 2015 lagen die Verkaufserlöse der Branche um 3,5 Prozent im Minus. Ursache waren vor allem die fallenden Erzeugerpreise: Das Preisniveau lag 1,4 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor und erreichte einen neuen Tiefstand. In den ersten 3 Monaten setzte die Entwicklung der Produktionsmenge ihr Wachstum in Trippelschritten fort und nahm nur um bescheidene 0,6 Prozent zu. Erstmals seit Jahren fiel in der Folge auch die Zahl der Beschäftigten. Zwischen Januar und März waren 0,5 Prozent weniger Arbeitnehmer für die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie tätig. Angesichts eines steigenden Importdrucks und des in vielen Bereichen schwächelnden Exports sind keine Zeichen für eine kurzfristige Belebung des deutschen Chemie-Geschäfts erkennbar.



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