"Von der Industrie zur Ausbildung 4.0?"

Industrie 4.0, Smart Factories, Big Data – bei der Digitalisierung der Arbeitswelt geht es um mehr als den rein professionellen Umgang mit neuen Medien und moderner Technik. Doch wie werden sich Verände-rungen bei der industrielle Produktion und der Erbringung von Dienstleistungen auf die duale Ausbildung auswirken? Welche Chancen und Herausforderungen erwarten uns? Wir sprachen hierzu mit dem Ausbildungsexperten Josef Buschbacher.

Josef Buschbacher ist Inhaber des Unternehmen Smadias – Deutsche Ausbilder-akademie und Geschäftsführer der Corporate Learning & Change GmbH sowie Herausgeber der Zeitschrift „Die Ausbilder“ im Kiehl Verlag. Seit vielen Jahren begleitet er Ausbildungsunternehmen bei der Strategiefindung, der Qualifizierung der Ausbilder und Ausbildungsbeauftragten und ist Vorreiter bei dem Thema digitale Ausbildung und Ausbildung im Zeitalter von Industrie 4.0.

 

 

Durch Industrie 4.0 soll sich unser Leben und Arbeiten in vielen Bereichen grundsätzlich wandeln. Was kommt da auf uns zu? Was ist Hype und was tatsächlich ein plausibles Zukunftsszenario?

Die technischen Möglichkeiten und das Voranschreiten von IT-gestützten Innovationen und Werkzeugen nehmen an Fahrt auf und Dinge, die wir uns heute noch nicht vorstellen können, werden morgen schon Realität sein. Industrie 4.0 oder allgemeiner gesagt: „Die Digitalisierung der Arbeitswelt“ zieht weitreichend Folgen nach sich. Viele Unternehmen arbeiten an einer zunehmenden, totalen Vernetzung von Anlagen, Fertigungs- und Produktionsprozessen. Ein Austausch zwischen Maschinen, über Unternehmens- oder Ländergrenzen hinweg wird möglich und die Folgen davon sind sehr vielseitig. Dort, wo bisher noch menschliches Handeln notwendig war um Sachverhalte zu klären und abzustimmen, erscheinen morgen vollautonome Systeme, die wesentlich genauer und fehlertoleranter arbeiten als Menschen. Wo mehr automatisiert wird, werden sich die Jobprofile ändern, Jobs wegfallen und andere wiederum entstehen. Man spricht von der 4. industriellen Revolution - nach Dampfmaschine, Telefon und der Einführung von EDV kommt nun die Vernetzung und damit das Internet of Things (IoT). In den kommenden Jahren wird sich dieses Phänomen erst richtig bemerkbar machen. Deutschland ist auf einem guten Weg, diese industrielle Revolution mitzugestalten und aktiv voran zu bringen.

Neben dem großen Ganzen stellt sich für den Bildungsbereich natürlich für die Praxis die Frage: Ist die duale Berufsausbildung in Deutschland auf die Digitalisierung der Arbeitswelt vorbereitet? Welche Chancen und Risiken zeichnen sich ab?

Wir werden weitere hybride Berufsbilder benötigen, die sich sehr schnell an neue Gegebenheiten anpassen. Dazu benötigen wir Lehr- und Lernformen, die auf schnelle Veränderungen schnell reagieren können, ein Learning on Demand ermöglichen und dazu noch unabhängig von Ort und Zeit sind. Heere Anforde-rungen, aber dass dies möglich ist, beweisen die Entwicklungen an den Hochschulen, wo derzeit viel mit MOOCs (Massive open Online Kursen) oder Fliped Classroom experimentiert wird. Der hohe Spezialisie-rungsgrad, den wir in Deutschland mit ca. 340 anerkannten Berufen leben, muss ergänzt werden. Auf der einen Seite benötigen wir die hohe Spezialisierung, auf der anderen Seite benötigen wir ein übergreifen des Wissen und Verständnisse für die Gesamtzusammenhänge und Geschäftsprozesse im Unternehmen. Ob das System des „Lernens auf Vorrat“, so wie es heute in der dualen Ausbildung gelebt wird, weiterhin Bestand hat, ist anzuzweifeln.

Die Veränderungsgeschwindigkeiten in den Unternehmen und die ständigen Neuentwicklungen aufgrund technologischer Veränderungen passen nicht zum starren Ausbildungssystem! Stand heute bereiten die wenigsten Berufe auf diese Anforderungen vor. Ich plädiere zudem dafür, die Lehrpläne vieler Berufe um Fächer wie Medienkompetenz, IT-Knowhow oder Netzwerkverständnis zu erweitern. Wenn dieses Wissen vorhanden ist, kann der Mensch die Prozesse, die Vernetzung und die Steuerungen der Roboter besser verstehen. Zusammen mit diesem Wissen kann der Mensch mit den Maschinen gute Entscheidungen treffen. Die Mensch–Maschinen-Schnittstellen werden als „partnerschaftliches“ Miteinander gesehen werden. Auch Risiken sind selbstverständlich am Horizont auszumachen: Können und wollen sich alle Arbeitnehmer in dieser virtuellen und automatisierten Welt zurecht finden? Wer ist für die Employability, die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter verantwortlich und wo finden diejenigen ihren Platz, welche nicht die geborenen IT-ler oder Akademiker sind?

Wie muss sich Lernen im Betrieb und die Rolle des Ausbilders wandeln? Welche Kompetenzen werden von Auszubildenden, aber auch von Ausbildern zukünftig gefordert werden?

Selbststeuerung und Selbständigkeit wird weiter an Relevanz in der Ausbildung gewinnen. Die Anforde-rungen an Nachwuchskräfte sind schon heute sehr hoch – auch weil die Lehrpläne sehr komprimiert sind und man das anspruchsvolle Ziel „Bestehen der Abschlussprüfung“ als Ausbilder vor Augen hat. Evtl. hilft eine Fokussierung auf die Kompetenzen wie handwerkliche Fähigkeiten, logisches Denken, Problemlöse-kompetenz anstatt bei den Auszubildenden immer auf die Noten und die bevorstehende Prüfung zu schauen. Weg von Projekten in der Ausbildung, z.B. in der Lehrwerkstatt- hin zum Prozess in der Ferti-gung. Vor Ort, unter realen Bedingungen an der Maschine am tatsächlichen Problem, lernt man immer noch am besten. Ausbilder sind nicht mehr der „Gatekeeper“ zu Wissen. Dieses ist überall und sehr fluid. Das heißt, ein Ausbilder kann Lehrstoff kuratieren und für eine hohe Qualität der Lernquellen sorgen. Kompetenzen wie Lernfähigkeit, das immer wieder neue Einstellen auf Herausforderungen und damit auch eine gewisse Resilienz, die Problemlösungsfähigkeit auch unter widrigen Bedingungen, aber auch Kreativität in der Lösungsfindung, werden an Bedeutung gewinnen.

Ausbilder sind gut beraten, wenn sie mit den Leitungsteams diese Thematiken besprechen und sich frühzeitig mit den Gegebenheiten „draußen“ auseinandersetzten. Eine weitere Aufgabe für Ausbildungsleiter und Ausbilder ist es zudem „up to Date“ zu sein und zu bleiben. Dazu kann ein verpflichtender Einsatz für jeden Ausbilder für z.B. 2 Monate / Jahr im Produktionsbetrieb sehr hilfreich sein. Der Ausbilder erfährt und erlebt dann, was es heißt, in der Praxis Probleme zu bearbeiten und kann daraus sehr wertvolle Schlüsse für die tägliche Ausbildungsarbeit ziehen.

Braucht Ausbildung in einer digitalisierten und vernetzten Welt auch neue Strukturen z.B. bei Ausbildungsordnungen oder bei der Zusammenarbeit der Lernorte Betrieb und Berufsschule?

Die bisherigen Strukturen haben sich gut bewährt und das meiste ist sehr durchdacht. Was neu ist, sind Debatten um die digitale Fitness der Akteure, die vielen ungeklärten Fragen zum Thema Datenschutz und die ebenso wichtigen Debatten von orts- und zeitunabhängigem Lernen. Wer schützt uns davor, wenn wir ständig selbst vernetzt leben und arbeiten und ein Teil des großen Netzwerks sind? Dem Thema Wei-terbildung muss noch mehr Raum gegeben werden, um den ständigen Veränderungen Rechnung zu tra-gen. Die Weiterbildung und Ausbildung muss an das Tempo der rasanten Entwicklungen angepasst werden und darf nicht in unendlich langen Ausbildungsgängen enden.

Was können die Unternehmen, gerade kleine und mittelständische Betriebe, heute tun, um die Ausbildung fit für die nächsten Jahre zu machen?

Zunächst muss bei Verantwortlichen in den Leitungsebenen das Bewusstsein geschaffen werden, dass eine Digitalisierung vor keiner Branche, vor keinen Maschinen und vor keiner Grenze mehr halt macht und dass genau dies gravierende Folgen haben wird. Ausbilder können sich mit neuen Fertigungsverfahren wie 3D-Druckern, Augmented Reality, Cloud-Technologien - aber auch mit sozialen Netzwerken beschäftigen, um daraus Wichtiges für die Ausbildungsarbeit abzuleiten. Punktuelle Weiterbildung, z.B. durch die Teilnahme an Webinaren für Ausbilder, trägt dazu bei, dass ein Wissenstransfer ohne großen Aufwand stattfinden kann - ganz ohne Reisezeiten und Abwesenheit kann man vom Arbeitsplatz aus von aktuellem Wissen profitieren. Auch Mut zu haben gehört dazu, um sich fit für die nächsten Jahre zu machen. Neues auszuprobieren, Anderes kennenzulernen und die Zukunft im eigenen Unternehmen aktiv mitzugestalten, kann sehr inspirierend sein und dafür sorgen, dass der Job als Ausbilder und Personalentwickler über Jahre hinweg attraktiv und abwechslungsreich bleibt.

Vielen Dank Herr Buschbacher für das Gespräch.
Das Interview führte Christopher Knieling, Bildung und Nachwuchsmarketing (BAVC).

Weitere Artikel und Informationen finden Sie online unter www.bavc.de ► Bildung ► INFOBOARD


Downloads

Typ Dateiname Dateigröße
pdf 4_Industrie 4.0_Buschbacher.pdf 390 KB

BAVC-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie Nachrichten, Infodienste und Pressemitteilungen bequem per E-Mail

BAVC auf Twitter

Folgen Sie dem BAVC auf Twitter, um aktuelle Informationen und Neuigkeiten des Verbandes in Echtzeit zu erhalten.

BAVC-Partner

Heute Morgen Sozialpartnernetz Berufskompass Chemie Chemiepensionsfonds So.WIN mint UCI CSSA INQA Chemie hoch 3
VOILA_REP_ID=C12574AC:00338A87