Berufsausbildung im Laborbereich: Chemie, Biologie, Lack

Berufsausbildung im Laborbereich Chemie, Biologie und Lack

Die am 29. März 2000 im Bundesgesetzblatt verkündeten neuen Ausbildungsordnungen werden ab 1. August 2000 in Kraft treten. Dazu veröffentlichen wir nachstehend die zwischen den Sozialpartnern der chemischen Industrie abgestimmten Erläuterungen.

Vorprüfungen
Zu Beginn der Neuordnung der Laborberufe Chemielaborant, Biologielaborant und Lacklaborant stand eine umfangreiche Analyse der Labortätigkeiten und der zu erwartenden zukünftigen Entwicklung der Laborarbeit im Vordergrund. Dabei hat sich ergeben, dass insbesondere im Bereich Biologie neue Inhalte - vor allem in der Molekularbiologie und Gentechnologie - hinzugekommen sind, die in einer modernen Ausbildungsordnung Eingang finden müssen. Hinzu kommen Neuentwicklungen im Bereich der instrumentellen Analytik. Zunehmend werden die Arbeiten EDV/PC-unterstützt ausgeführt, wobei auch dem Intranet, dem Internet und Datenbankrecherchen erweiterte Bedeutung zukommen. Dies setzt englische Sprachkenntnisse voraus.

Zugleich hat sich gezeigt, dass sowohl in der traditionellen Grundbildung - bislang für alle naturwissenschaftlichen Berufe gleichermaßen verbindlich - aber auch in der Fachbildung Elemente enthalten waren, die nicht mehr zeitgemäß sind.

Aber auch die Wettbewerbssituation hat sich erheblich verändert. Globalisierung, Internationalisierung und Unternehmenszusammenschlüsse bilden dabei einen neuen Bezugsrahmen. Innerbetrieblich ändert sich die Arbeitsorganisation weg von der traditionellen Funktionsorientierung hin zur Orientierung an Prozess- oder Wertschöpfungsketten mit der Folge, dass die bisherigen eher "funktionsorientierten" Berufe "prozessorientiert" werden müssen. Dies erfordert die Beachtung der so genannten "Schnittstellen" im Rahmen der Wertschöpfungskette und in der Verbindung zu anderen Berufen. Gleichzeitig geht mit der Abflachung der Hierarchien eine höhere Verantwortung und ein breiterer Verantwortungsbereich des Einzelnen einher, womit neben der Fach- und Methodenkompetenz zunehmend auch Sozial- und Kommunikationskompetenz gefragt sind. Der schnelle technische, organisatorische und wirtschaftliche Wandel erfordert daher Ausbildungsordnungen, die technikoffen, organisationsneutral und so flexibel formuliert sind, dass sie geänderten Bedingungen standhalten bzw. schnell und unkompliziert angepasst werden können.

Neue Anforderungen an die Ausbildungsordnung
Dies setzt eine Ausbildungsordnung voraus, die aufbauend auf einer breiten "Basisqualifikation" Pflicht- und flexible Wahlelemente vermittelt, die sowohl die Beibehaltung einer "Beruflichkeit" sicherstellt, aber gleichzeitig die zeitnahe und passgenaue Ausrichtung auf betriebliche Erfordernisse ermöglicht. Diese beiden Aspekte zu versöhnen, war eine der wichtigsten Aufgaben der Neuordnung.

Mit dem Konzept der "Wahlqualifikationseinheiten" ist es möglich, die jeweilige berufliche/betriebliche Ausprägung der Ausbildung aktuell auszuformen, wobei sowohl den Interessen der Betriebe als auch den Neigungen der Auszubildenden entsprochen werden kann. Auch im Fall einer Nichtübernahme nach der Ausbildung kann durch eine geeignete Wahl von Qualifikationseinheiten sichergestellt werden, dass eine möglichst optimale Beschäftigungsfähigkeit ("employability") erreicht werden kann.

Verordnungstechnisch bedeutet dies, dass das bisherige Strukturkonzept der gemeinsamen Grundbildung für alle naturwissenschaftlichen Berufe und darauf aufbauend der Fachbildung - im Chemielaborantenbereich mit zusätzlich unterteilten Fachrichtungen - zugunsten eines flexibleren und durchgängigeren Konzeptes aufgegeben wird.

Ausgangspunkt der Überlegungen war, mit der jeweiligen Fachqualifikation wegen der zu bewältigenden Themenfülle bereits vom Anfang der Ausbildung an zu beginnen. Eine gemeinsame Grundbildung gibt es damit nicht mehr. Gefunden werden konnte jedoch eine Reihe von gemeinsamen, integrativ zu vermittelnden Qualifikationen für alle drei Laborberufe, die gekoppelt an jeweilige fachspezifische Inhalte zu vermitteln sind - entweder integrativ über die gesamte Ausbildungsdauer oder themenspezifisch mit besonders geeigneten Bausteinen. Wegen des integrativen Ansatzes und der identischen Strukturmerkmale sind die drei Ausbildungsordnungen in einer einheit- lichen Verordnung zusammengefasst veröffentlicht worden.

Das 1996 neu geordnete Berufsbild Physiklaborant wurde aus der Neuordnung der Laborberufe ausgeklammert. Durch die Möglichkeit, den Chemielaboranten im Rahmen der Wahlkomponenten mit physikalischen Fertigkeiten und Kenntnissen zu versehen, wird eine Nahtstelle zum Physiklaboranten hergestellt.

Die Gliederung der Ausbildung
Die neue Verordnung gliedert sich in für alle drei Berufe gemeinsame Qualifikationen sowie für jeden Beruf spezifische Pflichtqualifikationen und Wahlqualifikationen.

a) Integrative Qualifikationen
Die ersten sechs Berufspositionen der Ausbildungsordnung enthalten gemeinsame, integrativ zu vermittelnde Qualifikationen. Sie sind im Abschnitt I des Ausbildungsrahmenplanes für jeden der drei Laborberufe aufgelistet. Als Besonderheit ist dabei hervorzuheben, dass erstmals in einer Ausbildungsordnung der Gedanke des "Responsible Care" explizit eingeführt worden ist.

Bei den integrativen Qualifikationen spielen neben Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Umweltschutz auch das Umgehen mit Arbeitsgeräten und Arbeitsstoffen eine Rolle sowie die Anwendung von grundlegenden chemischen und physikalischen Methoden. Die integrative Qualifikationen werden ergänzt durch Themen wie Qualitätsmanagement, Kundenorientierung, Wirtschaftlichkeit sowie Arbeitsorganisation und Kommunikation, wobei das Anwenden von Fremdsprachen bei Fachaufgaben als Qualifikationseinheit ausdrücklich in der Ausbildungsordnung verankert ist. Dies ist Voraussetzung für die Berufsschule, ein entsprechendes Stundenkontingent hierfür bereitzustellen.

Ausdrücklich ist hervorzuheben: Die integrativen Qualifikationen sind für alle drei Berufe gleich formuliert, haben aber wegen der jeweiligen Vermittlung mit den spezifischen Fachinhalten für alle drei Laborberufe eine jeweils besondere Ausprägung. So bilden z.B. alle unter der Berufsbildposition "chemische und physikalische Methoden" ausgeführten Ausbildungsinhalte die kleinste, gemeinsame praktische Basis der Laborberufe. Es bestehen jedoch graduelle und inhaltliche Unterschiede bei der praktischen Umsetzung in dem jeweiligen Laborberuf. Der ganzheitliche und integrative Ansatz intendiert, die Inhalte dieser Ausbildungspositionen in Verbindung mit den entsprechenden Pflicht- und Wahlqualifikationseinheiten zu vermitteln.

b) Pflichtqualifikationseinheiten
Die weiteren - je nach Beruf zwei bzw. sieben bzw. vier – Berufsbildpositionen der Ausbildungsordnung enthalten, fachspezifisch differenziert nach den verschiedenen Laborberufen, so genannte Pflichtqualifikationseinheiten. Sie sind im Abschnitt II des Ausbildungsrahmenplanes für jeden der drei Laborberufe aufgelistet. Damit sind Inhalte gemeint, die zur Erreichung einer ganzheitlichen Beruflichkeit unverzichtbar sind. Pflichtqualifikationseinheiten sind damit für jeden Laboranten verbindlich. Sie führen in grundlegende berufstypische Kenntnisse und Fertigkeiten ein und können in Wahlqualifikationseinheiten vertieft und/oder erweitert werden.

Für Chemielaboranten beinhalten die Pflichtbausteine eine grobe Zweiteilung in analytisches Arbeiten einerseits und präparatives Arbeiten andererseits. Die Beherrschung beider Arbeitsbereiche ist als Fachqualifikation bis zu einem gewissen Grad von jedem Chemielaboranten zu erwarten.

Für Biologielaboranten geht es bei den Pflichtqualifikationseinheiten um das Durchführen zoologisch-pharmakologischer, mikrobiologischer, zellkulturtechnischer, molekularbiologischer, biochemischer und diagnostischer Arbeiten einschließlich bereichsspezifisch qualitätssichernder Maßnahmen. Dabei wird in den Bereichen Mikrobiologie, Zellkulturtechnik und Diagnostik mit dem Zusatz I darauf hingewiesen, dass im Bereich der Wahlqualifikationseinheiten unter dem Zusatz II auf diese Berufsbildposition erweiternd oder vertiefend Bezug genommen wird.

Für Lacklaboranten zählt zur Pflichtqualifikation das Durchführen analytischer Arbeiten an Lackrohstoffen, Halbfabrikaten und Beschichtungsstoffen, das Vorbehandeln und Beschichten von Untergründen und Prüfen von Be- schichtungen, die Grundlagen der Herstellung von Beschichtungsstoffen und die Grundlagen zur
Formulierung von Beschichtungsstoffen.

c) Wahlqualifikationseinheiten - aus je zwei Auswahllisten
Wahlqualifikationseinheiten bauen auf den Pflichtqualifikationseinheiten auf oder führen in ein neues Arbeitsgebiet ein. Durch sie sollen Auszubildende über das Fachliche hinaus insbesondere selbständiges Arbeiten, Transferdenken und Transferfähigkeit sowie Eigenverantwortlichkeit lernen.

Die Wahlqualifikationseinheiten sind je Beruf in zwei Auswahllisten zusammengefasst. Sie sind in den Abschnitten III (für die Auswahlliste I) und IV (für die Auswahlliste II) des Ausbildungsrahmenplanes für jeden der drei Laborberufe aufgelistet. Die Auswahlliste I enthält fachspezifische Inhalte des jeweiligen Berufes sowie einschlägige fachspezifische Inhalte der "benachbarten" Berufe. Die Auswahlliste II der Wahlqualifikationseinheiten definiert fachübergreifend bzw. berufs- oder berufsfeldübergreifend weiter vertiefende Elemente aus den benachbarten Berufen.

Diese Auswahllisten sind beim Chemielaboranten umfangreicher als beim Biologielaboranten oder Lacklaboranten. Auswahlliste I enthält 13 Bausteine, Auswahlliste II weitere 15 Bausteine. Beim Biologielaboranten sind dies 12 Wahlqualifikationseinheiten in der Liste I und weitere 9 Wahlqualifikationseinheiten in der Liste II. Beim Lacklaboranten enthält die Liste I 15 Elemente und die Liste II 3 Elemente. Dies weist darauf hin, dass die Notwendigkeit und die Bedürfnisse nach Differenzierung in den einzelnen Bereichen durchaus unterschiedlich sind.

Die Wahlqualifikationseinheiten beider Listen können in Kombination miteinander, d.h. zeitlich zusammenhängend vermittelt werden. Für Chemielaboranten und für Biologielaboranten ist die Kombination bestimmter Wahlqualifikationen zwingend vorgeschrieben.

Besonders hervorzuheben ist der Baustein "prozessbezogene Arbeitstechniken". Damit soll sichergestellt werden, dass zusätzlich ein spezifischer Baustein formuliert werden kann, mit dem es möglich ist, branchen- und firmenspezifische Belange zu berücksichtigen. Beim Chemielaboranten heißt das insbesondere, dass Ausbildungsbetriebe für die bisherigen Fachrichtungen (Chemie, Kohle, Metalle, Silikat) einen solchen für sie typischen Baustein konstruieren können.

d) Vermittlung der Qualifikationseinheiten im Zeitablauf
Die Wahlqualifikationsbausteine sind schwerpunktmäßig nach der Zwischenprüfung zu vermitteln. Mit jeweils 13 Wochen wird allen Einheiten in den drei Berufen das gleiche Gewicht zugemessen, was eine "Gleichbehandlung" der Einheiten hinsichtlich ihrer Gewichtung ermöglicht und zugleich das Auswahlverfahren gleichwertiger Einheiten erleichtert.

Die Zeitrichtwerte in Wochen für die jeweiligen Pflicht- und Wahlqualifikationseinheiten sind nicht als absolut verbindliche Vorgaben anzusehen, sondern sollen als "Richtwerte" die relative Bedeutung der einzelnen Qualifikationseinheiten zueinander verdeutlichen.

Die integrative Qualifikationen sind entweder ohne Zeitzuordnung "während der gesamten Ausbildungszeit" zu vermitteln oder in Verbindung mit geeigneten Fachinhalten. In letzterem Fall ist dies an den entsprechenden Wochenzahlen durch einen hochgestellten Stern kenntlich gemacht.

Besonders hinzuweisen ist auf den Anleitungs-Charakter der vorgegebenen Gliederung; zum jeweiligen Ausbildungsrahmenplan (§§ 5, 11, 17) wird ausdrücklich bestimmt, dass eine "abweichende sachliche und zeitliche Gliederung des Ausbildungsinhaltes insbesondere zulässig ist, soweit betriebspraktische Besonderheiten die Abweichung erfordern."

Auswahlvorschriften
Die Auswahlvorschriften für die Wahlqualifikationseinheiten der Auswahllisten I und II lauten wie folgt:

Chemielaborant:
Mindestens vier von sechs Wahlqualifikationseinheiten sind aus der Auswahlliste I zu wählen, wobei mindestens zwei Wahlqualifikationseinheiten aus den Nummern 1 bis 8 dieser Auswahlliste festzulegen sind. Höchstens zwei von sechs Wahlqualifikationseinheiten können aus der Auswahlliste II gewählt werden.
Biologielaborant:
Hier sind mindestens vier von sechs Wahlqualifikationseinheiten aus der Auswahlliste I und höchstens zwei von sechs aus der Auswahlliste II zu wählen.
Lacklaborant:
Mindestens fünf von sechs Wahlqualifikationseinheiten sind aus der Auswahlliste I zu wählen, wobei mindestens zwei Wahlqualifikationseinheiten aus den Nummern 1 bis 10 der Auswahlliste festzulegen sind und höchstens eine von drei (nicht: sechs, wie es irrtümlich in der Verordnung in Nr. 12, Absatz 1 von § 16 heißt) aus der Auswahlliste II.

Mit dieser Konkretisierung der Wahlmöglichkeiten soll sichergestellt werden, dass auch im Wahlbereich der fachspezifische Teil angemessen repräsentiert ist. Immerhin entfallen auf die jeweils zu- sammen sechs Wahlqualifikationseinheiten zu je 13 Wochen insgesamt 78 Wochen, also 1 1/2 Jahre der gesamten Ausbildungszeit.

Neue Lernzielformulierung
Generell weichen die Lernzielformulierungen im Bereich der Fertigkeiten und Kenntnisse von der bisherigen Form ab, da sich inzwischen ein neues Verständnis entwickelt hat. So wird weitestgehend auf kognitive Lernziele verzichtet; zum einen, weil kognitive Inhalte insbesondere in der Berufsschule zu vermitteln sind und zum anderen, weil nach gängiger Meinung in den handlungsorientierten Zielformulierungen das kognitive Element bereits enthalten ist. Die Lernzielformulierungen sind demzufolge handlungsorientiert und darauf gerichtet, ein zu erwartendes Endverhalten zu beschreiben. Es handelt sich also um Qualifikationen, die die Auszubildenden zur Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit benötigen.

(Vollständige Textfassung als PDF-Datei)

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