b) Moderne Chemie-Flächentarife:40-Stunden-Flexibilität

Die Tarifparteien der chemischen Industrie haben in den letzten Jahren eine Reihe von Flexibilisierungen, Öffnungen und Optionen in den Chemie-Flächentarifverträgen verankert. Inzwischen verfügen die Chemie-Unternehmen im Bedarfsfall tariflich über beträchtliche Kosten- und Arbeitszeitspielräume. Dies erweist sich insbesondere in der gegenwärtigen Diskussion über die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche. In der Chemie gibt es konkrete tarifliche Instrumente, mit denen in der Praxis die mit dem Thema "40-Stunden-Woche" verbundenen Ziele erreicht werden können. Dies geschieht vor allem durch Anwendung des Arbeitszeitkorridors und des Entgeltkorridors.

Der Arbeitszeitkorridor
Die tarifliche Regelarbeitszeit in der chemischen Industrie beträgt 37,5 Wochenstunden. Durch Vereinbarung auf betrieblicher Ebene kann für einzelne Betriebsteile oder -größe Arbeitnehmergruppen eine längere oder kürzere Wochenarbeitszeit festgelegt werden. Hierfür steht ein Korridor zwischen 35 und 40 Wochenstunden zur Verfügung. Bezahlt werden die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden.

Der Entgeltkorridor
Auf betrieblicher Ebene kann mit Zustimmung der Tarifvertragsparteien vereinbart werden, dass die in den Flächentarifverträgen für die chemische Industrie festgelegten Tarifentgelte für alle Beschäftigten eines Betriebes bis zu 10 vH abgesenkt werden, wenn dies aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit oder zum Erhalt des Standortes und/oder von Arbeitsplätzen erforderlich ist.

Entlastungen kombinierbar
Arbeitszeitkorridor und Entgeltkorridor können - wie die übrigen Flexibilisierungen auch - miteinander kombiniert werden. Dadurch können die Unternehmen im Ergebnis sowohl die 40-Stunden-Woche erreichen als auch zusätzlich erforderliche Kostenentlastungen erhalten.

Regelungen ohne Konflikte
Arbeitszeitkorridor und Entgeltkorridor stehen nicht nur auf dem Papier. Sie werden in der Praxis von den Unternehmen genutzt, wenn die Notwendigkeit dazu besteht. Grundlage hierfür bilden jeweils Vereinbarungen zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat. Häufig werden sie in Form von Standortvereinbarungen getroffen.

Neben dem Arbeitszeitkorridor verfügen die Chemie-Unternehmen über weitere tarifliche Flexibilisierungen und Optionen im Bereich Arbeitszeit:

Verteilzeiträume
Die festgelegte Wochenarbeitszeit muss nicht in jeder einzelnen Woche, sondern kann im Rahmen eines "Verteilzeitraums" von bis zu 12 Monaten durchschnittlich erreicht werden. Der Ausgleich des Stundenkontos kann durch eine erweiterte Flexibilisierung auch außerhalb des 12-Monatszeitraums erfolgen. In bestimmten Fällen (z. B. bei Forschungsprojekten) ist eine Ausdehnung des Verteilzeitraums auf bis zu drei Jahre möglich. Bei starkem Arbeitsanfall kann also länger gearbeitet und dies in auftragsschwächeren Zeiten entsprechend ausgeglichen werden. Die tägliche Arbeitszeit kann hierbei bis zu zehn Stunden betragen.

Wochenendarbeit
Auf Grundlage der Tarifvereinbarungen in der chemischen Industrie ist auch Samstagsarbeit möglich. In Schichtbetrieben kann darüber hinaus auch an Sonntagen gearbeitet werden. In vollkontinuierlich arbeitenden Betrieben sind dabei Sonntagsschichten von 12 Stunden zulässig. Generell ist in Schichtbetrieben bei Arbeitsbereitschaft eine tägliche Arbeitszeit bis zu 12 Stunden möglich.

Freizeit-Ausgleich von Mehrarbeit
Mehrarbeit - also Arbeitsstunden, die über die vereinbarte Wochenarbeitszeit hinausgehen und nicht im Rahmen eines Verteilzeitraumes (s. o.) ausgeglichen werden - wird gemäß Chemietarifvertrag nicht mehr bezahlt, sondern durch Freizeit ausgeglichen. Wenn der Zeitausgleich innerhalb eines Monats erfolgt, fällt auch kein Mehrarbeitszuschlag an. Dadurch gibt es in der Chemie praktisch keine bezahlten Überstunden mehr.

Option für Langzeitkonten ...
In der Tarifrunde 2003 haben BAVC und IG BCE eine tarifliche Option zur Bildung von Langzeitkonten vereinbart. Sie können durch freiwillige Betriebsvereinbarung eingerichtet und für verschiedene Zwecke wie z. B. für Qualifizierung oder Freistellung vor der Altersrente genutzt werden. Als Langzeitkonten gelten Arbeitszeitkonten, die einen Verteilzeitraum von mehr als 12 Monaten umfassen. In solche Langzeitkonten können einfließen: Altersfreizeiten, Mehrarbeit, Mehrarbeitszuschläge sowie Urlaubsansprüche, die über den gesetzlichen Anspruch hinausgehen.

... und Qualifizierung
Parallel zu den Langzeitkonten haben BAVC und IG BCE eine Tarifoption zur Qualifizierung geschaffen. Sie kann für freiwillige Betriebsvereinbarungen über Qualifizierungsmaßnahmen genutzt werden. Als Qualifizierung gelten alle betriebsbezogenen und individuellen beruflichen Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen. Zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wird dabei auch eine faire Kostenverteilung geregelt.

Weitere Flexibilisierungen betreffen den Bereich Tarifentgelt:

Tarifkonkurrierende Bereiche
Zusätzlich zum bestehenden Entgeltkorridor wurde 2000 eine weitreichende Öffnungsklausel neu eingeführt. Sie gilt für Betriebe, deren tarifliche Arbeitsbedingungen wegen der Überschneidung ihrer Tätigkeiten mit dem Geltungsbereich der Flächentarifverträge anderer Branchen nicht mehr wettbewerbsfähig sind. In diesen Fällen können mit Zustimmung der Tarifvertragsparteien nach unten abweichende Tarifregelungen auf betrieblicher Ebene oder in firmenbezogenen Verbandstarifverträgen vereinbart werden.

Abgesenkte Einstiegstarife
Für neu eingestellte Arbeitnehmer gelten in der chemischen Industrie so genannte "Einstiegstarife". So erhalten unbefristet eingestellte gewerbliche Arbeitnehmer und übernommene Ausgebildete im ersten Beschäftigungsjahr Bezüge in Höhe von 95 vH der sonst geltenden Tarifentgelte. Für neu eingestellte Langzeitarbeitslose gilt im ersten Jahr ein Satz von 90 vH.

Erfolgsabhängige Jahresleistung ...
Die tarifliche Jahresleistung in der chemischen Industrie (13. tarifliches Monatsentgelt) kann bei tiefgreifenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit Zustimmung des Betriebsrates gekürzt, gestrichen oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Hierzu ist die Zustimmung der
Tarifvertragsparteien erforderlich.

... mit Optionsklausel
Mit dem Tarifabschluss 2002 wurde eine neuartige Optionsklausel vereinbart. Durch sie ist es auf betrieblicher oder Unternehmensebene möglich, die Höhe der tariflichen Jahresleistung nach dem Prinzip "Chance und Risiko" an die wirtschaftliche Situation zu koppeln. Anstelle der festen tariflichen Jahresleistung von 95 vH des tariflichen Monatsentgelts kann eine Bandbreite von 80 vH bis 125 vH vereinbart
werden.

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