Interview mit BAVC-Präsident Dr. Rüdiger Erckel:Wir leben von der Kompetenz unserer Mitarbeiter

Dr. Rüdiger Erckel (54) ist seit Juni 2001 Präsident des BAVC. Er ist Leiter des Bereichs Chemikalien in der Boehringer Ingelheim GmbH. Im Informationsbrief-Interview äußert er sich u. a. zur Bedeutung qualifizierter Mitarbeiter für die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie in Deutschland.

IB: Die "Human Resources" gelten als wichtigster Produktivitätsfaktor. Innovationen werden getragen von Mitarbeitern. Andererseits werden diese durch Globalisierung, Fusionen, Outsourcing verunsichert. Bekommen die Mitarbeiter genug Wertschätzung?

Erckel: Ich bin der Überzeugung, dass das der Fall ist und auch zunehmen wird. Wenn wir uns anschauen, womit wir noch wettbewerbsfähig sein können am Standort Deutschland, dann ist das nur mit intelligenten, innovativen Produkten möglich. Wir leben von der Kompetenz unserer Mitarbeiter, und hier habe ich eigentlich eher die Sorge, dass wir bei Betrachtung der demographischen Entwicklung und der Hochschullandschaft - wie viel Chemiker, Ingenieure, Naturwissenschaftler sich eigentlich heute in der Ausbildung befinden - auf
einen Engpass zulaufen. Dann würde die Wettbewerbsfähigkeit bei sowieso schon schwierigen Rahmenbedingungen noch weiter eingeschränkt. Das ist eine meiner größten Sorgen.

IB: Die jüngste Führungskräfteerhebung des BAVC zeigt allerdings, dass alle Führungskräftegruppen anteilsmäßig zugenommen haben. Es gibt mehr Akademiker und mehr FH-Absolventen, es gibt mehr Frauen auch in akademischen Führungspositionen. Wie ist das zu erklären?

Erckel: Das ist auch kein Widerspruch, sondern das bestätigt nur, was ich vorher sagte. Wir brauchen eine höhere Kompetenz unserer Mitarbeiterstruktur, höhere Produktivität. Das spiegelt sich ja gerade in diesen Umfragezahlen wider. Die Firmen haben also schon reagiert. Das müssen sie auch, weil sie nur so in Deutschland noch wettbewerbsfähig agieren können. Sie haben übrigens ein Stichwort gesagt, das ich auch für ausgesprochen wichtig halte, nämlich den steigenden Anteil von Frauen. Wenn es uns nicht gelingt, auch die Frauen zu motivieren, in unseren Firmen tätig zu sein, dann werden wir noch größere Probleme haben. Das heißt aber auch, wir müssen uns an dieser Stelle mit den Rahmenbedingungen darauf einstellen. Ich sehe beispielsweise, dass wir in Zukunft in vielen Firmen auch Kinderkrippen haben, dass wir mit den Arbeitszeiten darauf Rücksicht nehmen und dass wir uns hier einfach neu aufstellen müssen.

IB: Bedeutet das mehr frauenfreundliche Arbeitsverhältnisse in der Chemie?

Erckel: Ich glaube, dass das - und ich beobachte das in meinem eigenen Bereich - heute schon stattfindet. Glücklicherweise haben wir zunehmend auch Frauen in verantwortungsvollen Positionen. Ich würde diesen Trend gerne weiter unterstützen.

IB: Gute Mitarbeiter zu bekommen, bedeutet auch, eine Perspektive aufzuzeigen. Wie sehen Sie die Aussichten der chemischen Industrie - global und am Standort Deutschland?

Erckel: Chemische Produkte sind ja in allen Bereichen unseres Lebens vertreten. Der Bedarf wird weiter steigen. Weltweit wird die Chemie deshalb ähnlich wachsen wie das Welt-Bruttosozialprodukt. Das gilt für die deutsche Chemieindustrie nicht in gleicher Weise. Aus Gründen, die ich vorhin schon angedeutet habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass Deutschland als Exportplattform für Massenprodukte wie bisher erhalten bleibt. Das Wachstum z.B. der asiatischen Länder wird stark sein. Es wird dort unter anderem mit abgedeckt werden von Töchtern unserer Unternehmen, die in diesen Regionen tätig sind. Das ist sicher einer der wesentlichen Trends. Ich komme aber noch einmal auf die Frage zurück: Was macht uns eigentlich hier wettbewerbsfähig? Das ist ein besonders hoher Ausbildungsstand über alle Hierarchien des Unternehmens. Wenn wir den sicherstellen, dann habe ich keine Sorgen, dass wir in den Bereichen, in denen wir hier tätig sind, auch weltweit absolut wettbewerbsfähig bleiben.

IB: Also intelligente Leute für intelligente Produkte?

Erckel: Intelligente Produkte sind unser Thema. Intelligente Produkte kann ich aber nur in einem Umfeld generieren, das auch innovationsfreudig ist. Innovationsfreudig in Universitäten und Instituten, innovationsfreudig in einer Gesellschaft, die Innovation nicht als Bedrohung ansieht, sondern als Chance, ihren Lebensstandard zu erhalten. Wenn ich aber heute die Trends beobachte - ich möchte als Schlagwort nur die Chemikalienpolitik der EU nennen -, habe ich das Gefühl, dass Innovation eher als Bedrohung gesehen wird. Aus meiner Sicht müssen wir hier die Politik und die Öffentlichkeit überzeugen, dass Innovation eigentlich unsere einzige Chance ist, unseren Lebensstandard zu erhalten. Denn wovon wollen wir den sonst in Zukunft finanzieren?

IB: Welche Rahmenbedingungen müssen Ihrer Meinung nach vordringlich verbessert werden?

Erckel: Kern ist für mich unser ganzes Bildungssystem - Stichwort "Pisa-Studie". Wir müssen es schaffen, unser Bildungssystem konsequent umzubauen und das ganze auch wieder auf Leistung und Wissen hin zu orientieren.
Wir dürfen auch keine Angst haben vor dem Wort "Elite". Elite ist das, was eine Gesellschaft wesentlich mitträgt. Das ist für mich einer der wichtigsten Faktoren überhaupt.

IB: Wie würden Sie Ihre bisherigen Erfahrungen als Chemie-Arbeitgeberpräsident charakterisieren, eher als Belastung, Herausforderung oder Bereicherung?

Erckel: Ich bin jetzt seit 1995 im Vorstand der Chemieverbände Rheinland-Pfalz. Seit 1998 hatte ich dort den Vorsitz und kam in diesem Rahmen auch in den BAVC-Vorstand, als dessen Präsident ich dann letztes Jahr gewählt wurde. Wenn ich mal zusammenfasse: Die letzten 7 Jahre, die ich im Verband tätig war, waren gerade als Ergänzung zu meiner langjährigen Erfahrung als General Manager in verschiedenen Geschäftsfeldern eine absolute Bereicherung für mich. Ich glaube, Tarif- und Sozialpolitik ist für die Zukunft unseres Handelns von hoher Bedeutung. Daran müssen wir intensiv arbeiten und für viel mehr Aufklärung sorgen. Die Herausforderung ist für mich, ob ich diese zentralen Themen, die wir eben besprochen haben, mit in eine positive Richtung voranbringen kann. Das Stichwort ist "Zukunftssicherung". Wir müssen alles tun, um eine weitere Verschlechterung der Rahmenbedingungen zu verhindern und aktiv an der Verbesserung arbeiten.

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