Maßstab Produktivität

Das Produktivitätswachstum ist ein wesentlicher Bestimmungsfaktor des Verteilungsspielraums der Tarifrunden. Wie stark die Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen - dies nämlich ist die Produktivität - tatsächlich zugenommen hat, ist aber nicht leicht zu messen. Prognosen zur zukünftigen Entwicklung sind noch schwerer.

Mäßiger Produktivitätszuwachs

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre legte die Produktivität in Deutschland um rd. 1,1 vH pro Jahr zu. Für die kommenden Jahre wird im Schnitt mit einem Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Produktivität von 1,5 vH gerechnet.
Diese gesamtwirtschaftliche Produktivität ist nach Ansicht führender Ökonomen ein wichtiger Maßstab für Flächentarifverhandlungen.

Abschläge notwendig

Die gesamtwirtschaftlich erzielte Produktivitätssteigerung steht jedoch keinesfalls vollständig als Verteilungsspielraum für Entgelterhöhungen zur Verfügung. Vielmehr müssen verschiedene Faktoren abgezogen werden:

Ein Teil der Produktivitätssteigerung wird durch den Einsatz modernerer
Maschinen- und Produktionsmittel sowie neuer Rohstoffe erzielt. Nur rund 70 vH entfallen nach ökonomischen Schätzungen gesamtwirtschaftlich tatsächlich auf den Produktionsfaktor Arbeit, d. h. die Beschäftigten.

Produktivitätseffekte, z. B. durch Rationalisierungsmaßnahmen und Beschäftigungsabbau, die durch vorangegangene Lohnerhöhungen erzwungen wurden, müssen abgezogen werden.

Preissteigerung

Zusätzlich zur Produktivitätssteigerung wird vielfach die Preissteigerung mit in den Verteilungsspielraum eingerechnet. Aber auch hier müssen auf jeden Fall einzelne Preiskomponenten herausgerechnet werden:

Gestiegene Importpreise - z. B. verursacht durch höhere Rohölpreise - können durch Tariferhöhungen nicht ausgeglichen werden. Die entsprechenden Einnahmen aus diesen höheren Preisen sind nämlich den Exporteuren im Ausland zugeflossen.

Staatliche Steuer- und Abgabenerhöhungen begründen ebenfalls keinen zusätzlichen Verteilungsspielraum.

Beschäftigungsneutraler Spielraum

Diese korrigierten Produktivitäts- und Preissteigerungen stellen den sogenannten beschäftigungsneutralen Verteilungsspielraum dar. In einer Situation, die durch hohe Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist, darf dieser theoretische Verteilungsspielraum jedoch nicht ausgeschöpft werden, wenn mehr Beschäftigung entstehen soll.

Branchen-Produktivität

Die statistische Erfassung von Branchen-Produktivitäten ist noch schwieriger als auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Als Annäherung wird in der Regel die Nettoproduktion je Beschäftigten verwendet. Der so errechnete Produktivitätsindex ist z. B. in der chemischen Industrie von Januar 1995 bis Dezember 2001 in der saisonbereinigten Betrachtung um 30,0 vH gestiegen.

Statistische Effekte

Diese Branchenproduktivität wurde in der Chemie jedoch von einer Reihe statistischer Effekte verzerrt. So wurden in vielen Unternehmen der chemischen Industrie in der zweiten Hälfte der 90er Jahre Service-Bereiche aus den eigentlichen Unternehmen ausgegliedert und in selbstständige Einheiten überführt.

Outsourcing

Die Beschäftigten dieser Bereiche werden seitdem in der amtlichen Statistik nicht mehr als Beschäftigte der chemischen Industrie geführt. Sie gelten als Dienstleistungsbeschäftigte. Die Chemie-Produktion der Unternehmen ist jedoch hiervon nicht beeinflusst worden. Somit ergibt sich eine Produktivitätssteigerung durch das Überführen bestimmter Beschäftigter in neue Rechtsformen. Diese statistische Erhöhung der Chemie-Produktivität kann keinen Verteilungsspielraum begründen.

Wenn allein diese Outsourcing-Effekte aus der Chemie-Produktivität herausgerechnet werden, ist diese im Zeitraum von Januar 1995 bis Dezember 2001 nur noch um 18,2 vH gestiegen. Im gleichen Zeitraum erhöhten sich z. B. die Tarifentgelte der chemischen Industrie um 18,6 vH, während die Preissteigerung nur rund 10,5 vH betrug.  

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