Zum Hintergrund der Chemie-Tarifrunde 2002: Enttäuschte Erwartungen

Die diesjährige Chemie-Tarifrunde findet vor dem Hintergrund enttäuschter Erwartungen der Unternehmen statt. Der zweistufige Tarifabschluss wurde im Jahr 2000 mit längerer Laufzeit und einer Gesamterhöhung von gut 4,2 vH auf der Basis einer positiven konjunkturellen Erwartung vereinbart. Diese hat sich in keiner Weise bestätigt. Vielmehr ist der konjunkturelle Aufwärtstrend bereits Ende 2000 abgebrochen und einer Abwärtsentwicklung gewichen. Inzwischen ist in saisonbereinigter Rechnung das Produktionsvolumen auf das Niveau des Jahres 1999 zurückgefallen. Über die gesamte Tariflaufzeit ist die Chemieproduktion nicht gestiegen, sondern um 6,4 vH zurückgegangen. Die "Geschäftsgrundlage", die dem damaligen Tarifabschluss zugrunde lag, ist mit der eingetretenen Rezession deutlich verfehlt worden.

Anteilsverluste am Welt-Umsatz ...

Mittelfristig zeigt sich, dass das Chemiewachstum am Standort Deutschland mit dem Wachstumstempo der dynamischen Weltregionen nicht mithalten konnte und dadurch Marktanteile verloren gingen. Dies ergibt sich im Vergleich zum Welt-Chemieumsatz und zum Welt-Chemiehandel:

Im vergangenen Jahr erreichte der deutsche Chemie-Umsatz rund 107 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Welt-Umsatz-Anteil der in Deutschland ansässigen Chemiefirmen von nur noch 6,2 vH. Zum Vergleich:
Im Jahre 1995 hatte diese Quote noch bei 8,4 vH gelegen. Sie ist seither kontinuierlich zurückgegangen.

... und am Welt-Export

Gleiches gilt für die Exporte: Zu den Chemie-Exporten aller Staaten - nach BAVC-Schätzung rund 644 Milliarden Euro - steuerte der Chemie-Standort Deutschland nur noch 81 Milliarden Euro bei. Dies entsprach einer Quote von 12,6 vH. Auch hier zeigt der Vergleich seit 1995, als die Quote noch bei 15,7 vH gelegen hatte, einen kontinuierlichen Anteilsverlust.

Obwohl die Chemie-Umsätze und Chemie-Exporte des Standorts Deutschland in den vergangenen Jahren tendenziell gewachsen sind und die Export-Quote angestiegen ist, haben sich gleichwohl Verluste am "World Market Share" ergeben: Die ausländische Konkurrenz - und auch die im Ausland investierende deutsche Chemie - ist stärker gewachsen als die Chemie am heimischen Standort.

Kein Nachholbedarf

Die Leistungsfähigkeit der chemischen Industrie hat im vergangenen Jahr ebenfalls "gelitten". So ist das Produktionsergebnis je Beschäftigten 2001 um 1,5 vH zurückgegangen. Man muss schon bis ins Jahr 1986 zurückgehen, um ein weiteres Jahr mit einer rückläufigen Chemieproduktivität zu finden.

Im Gegensatz hierzu blieben die Realeinkommen der Chemiebeschäftigten im konjunkturell schwierigen Jahr 2001 gesichert. So lag die Bruttolohn- und -gehaltsumme je Beschäftigten im vergangenen Jahr bei rund 43.000 Euro, verglichen mit gut 35.000 Euro im industriellen Durchschnitt. Der Pro-Kopf-Anstieg in der Chemie lag damit bei 2,8 vH.

Bei einer Inflationsrate von 2,5 vH im gleichen Zeitraum hat dies zu einer leichten Verbesserung der Brutto-Reallohn- Position der Chemiearbeitnehmer geführt.

Rückläufige Inflationsrate

Nach übereinstimmender Prognose aller führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, des Sachverständigenrates und auch der Bundesregierung wird die Inflationsrate in diesem Jahr deutlich zurückgehen. Die Erwartungen bewegen sich zwischen 1,1 vH und 1,5 vH. Dem steht die hoch anmutende Inflationsrate von 2,1 vH im Januar nicht entgegen: Sie war in erheblichem Umfang beeinflusst durch kurzfristige Saisoneffekte wie überproportionale Preissteigerungen
von Obst und Gemüse. Allein dieser Effekt schlug mit 0,4 Prozentpunkten auf die Inflationsrate durch. Zugleich hat sich die Erhöhung der Ökosteuer sowie der Tabak- und Versicherungssteuer mit einem Inflationsanteil von 0,1 Prozent- punkt bemerkbar gemacht. Im Februar hat sich die Inflationsrate bereits wieder auf 1,7 vH zurückgebildet. Eine jahresdurchschnittliche Inflationsrate in der Größenordnung von unter 1,5 vH ist damit realistisch, zumal weder von den Importpreisen noch von den Erzeugerpreisen inflatorischer Druck ausgeht.

Chancen und Risiken

Da die deutsche Chemie weltwirtschaftlich und volkswirtschaftlich überdurchschnittlich stark verflochten ist, ist sie in erheblichem Maße von der Entwicklung der Gesamtkonjunktur abhängig.

Unter der Annahme, dass sich die US-Konjunktur, die europäische und die deutsche Konjunktur im Jahresverlauf 2002 wieder nach oben entwickeln, erscheint auch für die chemische Industrie eine Besserung denkbar. So wird von einigen Beobachtern mit einem "Anspringen" der Chemiekonjunktur im zweiten Halbjahr 2002 gerechnet. Da aber der Jahresbeginn 2002 noch von deutlichen Negativraten gekennzeichnet ist, dürfte das Chemie-Wachstum 2002 die Stagnationsmarke - wenn überhaupt - nur knapp überschreiten. Dies setzt jedoch voraus, dass die Risikofaktoren, wie z. B. die Kursrelation Dollar/Euro und die Rohstoffpreisentwicklung - insbesondere die Ölpreisentwicklung - nicht aus dem Ruder laufen. Dazu gehört auch, dass die weltpolitischen Bedingungen stabil bleiben, es also zu keinen weiteren terroristischen Verwicklungen bzw. militärischen Auseinandersetzungen kommt.

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