BAVC-Konjunkturumfrage 2024: Tiefe Krise - keine schnelle Erholung
Die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie sehen sich selbst und ihre Branche aktuell in einer tiefen Krise. Das zeigen die Ergebnisse einer Umfrage, die die Mitgliedsverbände des BAVC im Februar und März 2024 durchgeführt haben. An der Umfrage haben sich rund 400 Unternehmen mit über 200.000 Beschäftigten aus allen Sektoren der Branche beteiligt.
Aktuelle Lage so schlecht wie nie
Die wirtschaftliche Lage des eigenen Unternehmens schätzten die Mitgliedsbetriebe der Chemie-Arbeitgeberverbände dabei so schlecht ein wie noch nie bei vorherigen Umfragen. Zuletzt war dieselbe Frage im Januar 2022, am Ende der Pandemie und unmittelbar vor Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, sowie im September 2022 gestellt worden, ein gutes halbes Jahr nach Beginn des Krieges zum Höhepunkt der Unsicherheit mit Blick auf die Versorgung mit Energie und Rohstoffen.
Während Anfang 2022 mit 45 Prozent fast jedes zweite Unternehmen angab, sich selbst in einer guten wirtschaftlichen Situation zu befinden, waren es im September 2022 mit 21 Prozent weniger als halb so viele. Aktuell schätzen nur noch 14 Prozent, etwa jeder siebte Betrieb, die eigene Lage als „gut“ ein. Dies ist ein neuer Tiefstand. Mehr Unternehmen als 2022 sehen ihre Situation hingegen nur als befriedigend, kaum befriedigend oder schlecht an. Die Einschätzung kaum befriedigend oder schlecht nennt dabei jeder zweite Betrieb.
Jedes fünfte Unternehmen mit Verlust
Die wirtschaftliche Krise, in der sich weite Teile der Branche befinden, wird auch beim Blick auf die Ertragslage der Unternehmen deutlich. Im vergangenen Jahr verbuchten gut 18 Prozent der Betriebe einen Verlust. Damit rutschte praktisch jedes fünfte Unternehmen in die roten Zahlen. Mit 25 Prozent gab zudem ein weiteres Viertel an, dass die Nettoumsatzrendite zwar positiv war, aber bei maximal drei Prozent lag. Dies ist der Bereich, der von den Tarifvertragsparteien bisher gemeinsam stets als so niedrig eingeschätzt wurde, dass den Betrieben Erleichterungen und Öffnungen bei den Tarifabschlüssen gewährt wurden. Sie sollen durch weitere Personalkostensteigerungen nicht überfordert und in die Verlustzone gedrängt werden. Insgesamt befanden sich damit zuletzt deutlich mehr als vier von zehn Betrieben der Branche in einer kritischen Ertragslage.
Und auch der Ausblick auf 2024 verheißt keine Besserung. Für das laufende Jahr erwarten immer noch über 10 Prozent der Unternehmen unter dem Strich einen Verlust.
Und diejenigen, die davon ausgehen, sich aus den roten Zahlen befreien zu können, sehen die Chance nur auf eine Nettoumsatzrendite von maximal drei Prozent. Der Anteil der Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, also in den beiden Kategorien Verlust und Nettoumsatzrendite bis maximal drei Prozent, bleibt mit 44 Prozent gegenüber 2023 praktisch unverändert.
Zwei Drittel mit Auftragsmangel
Gefragt nach den Ursachen negativer Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb im ersten Quartal 2024, geben 41 Prozent der Unternehmen starke Störungen aufgrund fehlender Aufträge und mangelnder Nachfrage an. Ein Bild, das zu den Daten des ifo-Instituts zur niedrigen Kapazitätsauslastung ebenso passt wie zu den seit zwei Jahren rückläufigen Auftragsvolumina in der amtlichen Statistik. Noch einmal 27 Prozent melden leichtere Störungen aus demselben Grund. Damit sind mehr als zwei Drittel aktuell von Auftragsmangel betroffen. Und ein weiterer Faktor führt aktuell zu Problemen in den Betrieben: der extrem hohe Krankenstand zum Jahresbeginn 2024. 36 Prozent der Betriebe sehen hierdurch starke Störungen in ihren Betriebsabläufen; nochmal 49 Prozent sehen leichtere Störungen.
Auch beim Blick auf ihre eigene Entwicklung an den deutschen Standorten in 2024 kommunizieren die zum Flächentarif Chemie gehörenden Unternehmen insgesamt viel Skepsis. Sie sehen im Saldo der Angaben jeweils einen Rückgang der Produktion, des Umsatzes im Inland, der Gewinne wie auch der Beschäftigung und der Investitionen in Deutschland. Einzig der Umsatz mit dem Ausland wird in Summe stabil eingeschätzt. Steigerungen erwarten die Betriebe hingegen überwiegend bei ihren Investitionen in ausländische Standorte und dem Umfang von Restrukturierungs- und Personalabbaumaßnahmen in Deutschland.
Keine zügige Erholung
Eine schnelle Befreiung aus der gegenwärtigen Krise sieht die große Mehrheit der Mitgliedsbetriebe der Chemie-Arbeitgeberverbände nicht, auch dies zeigt die Erhebung.
Etwa jeder zwölfte Betrieb der Branche, 8 Prozent, geht aktuell davon aus, dass sich wesentliche Teile seines Geschäft am Standort Deutschland gar nicht mehr erholen werden. Die Summe der Herausforderungen aus konjunktureller Krise, Strukturproblemen und Transformationsanforderungen wird hier dazu führen, dass die Unternehmen in der heutigen Form nicht weiter bestehen werden. Diejenigen Betriebe, die von einer grundsätzlichen Erholung für ihr Geschäft überzeugt sind, sehen diese Entwicklung ganz überwiegend aber frühestens für das Jahr 2025. Während 13 Prozent schon aktuell eine Geschäftserholung verspüren und 16 Prozent die Hoffnung noch auf das zweite Halbjahr 2024 setzen, erwarten mit 63 Prozent fast zwei Drittel für dieses Jahr keinerlei positive Entwicklung mehr.