Chemie und Pharma 2026: Die Krise dauert an
Die chemisch-pharmazeutische Industrie steht vor einem weiteren schwierigen Jahr am Standort Deutschland. Die Entwicklung der vergangenen Jahre hat die Branche schwer gebeutelt. Die generelle Rezession der deutschen Industrie hält nun schon im achten Jahr in Folge an. Das Produktionsvolumen dieses Teils der deutschen Volkswirtschaft lag Ende 2025 rund 16 Prozent niedriger als 2018. Als Vorlieferant für viele andere Industriebetriebe in Deutschland hat das auch die Chemie getroffen. Im internationalen Geschäft ist zudem durch steigende Kosten in allen Bereichen und immer höheren Bürokratie-Aufwand massiv Wettbewerbsfähigkeit verloren gegangen.
Beides zusammen hat dazu geführt, dass die chemisch-pharmazeutische Industrie insgesamt zuletzt sogar über 20 Prozent weniger produzierte als noch 2018. Während der Abwärtstrend in der Chemie fast durchgehend vorherrscht, erleben die Pharma-Unternehmen ein stetiges Auf und Ab. Im Ergebnis erwirtschaftete aber auch dieser Teil der Branche seit 2018 keine Zuwächse bei der Produktion.
Rezession seit 2018 – Absturz ab 2022
Besonders dramatisch war der wirtschaftliche Absturz der gesamten Branche seit Anfang 2022. Alle wichtigen Indikatoren wie Produktionsvolumen, Umsätze oder Auftragseingänge liegen seitdem weit unterhalb des Niveaus der Jahre zuvor.

Und auch die Produktivität der Beschäftigten hat dramatisch nachgelassen. Ursache hierfür ist vor allem die fehlende Produktionsmenge aufgrund der geringen Nachfrage – und viele Anlagen der Branche müssen auch bei niedriger Auslastung mit voller Besetzung betrieben werden. Allerdings haben sich auch Abwesenheitszeiten der Beschäftigten erhöht und die Zahl der tatsächlich geleisteten jährlichen Arbeitsstunden lag 2025 um vier Prozent oder rund 60 Stunden niedriger als noch 2015. Unter dem Strich produzieren Unternehmen und Beschäftigte der Branche heute vereinfacht ausgedrückt an fünf Arbeitstagen so viel wie sie früher schon in nur vier Tagen hergestellt haben.
Stilllegung, Stellenabbau und Verlagerung
Die Reaktion auf die seit nun vier Jahren andauernde dramatische Situation besteht in vielen Fällen gezwungenermaßen aus einer Stilllegung von Kapazitäten, Anpassungen bei den Beschäftigten und zum Teil auch der Verlagerung von Produktion an andere wettbewerbsfähigere Standorte. Denn drei von vier Unternehmen – so die Ergebnisse der BAVC-Konjunkturbefragung – gehen davon aus, dass sich ihre wirtschaftliche Situation 2026 nicht verbessern wird.
Ein Viertel erwartet sogar, dass sich gar keine Erholung am Standort Deutschland mehr einstellen wird. Entsprechend haben 25 Prozent im vergangenen Jahr bereits begonnen Personal abzubauen. Weitere 23 Prozent werden dies 2026 tun. Und noch einmal 18 Prozent haben die Pläne dafür fertig in der Schublade, warten aber noch die Entwicklung der nächsten Wochen und Monate ab.
Eine Verlagerung von Teilen der eigenen Produktion an ausländische Standorte haben in 2025 bereits 8 Prozent der Unternehmen umgesetzt. In 2026 werden dies weitere 12 Prozent der Betriebe zu tun. Damit wird jeder fünfte Standort der Branche in Deutschland zumindest einen Teil der eigenen Produktion verlagert haben.
Fehlende Aufträge, hoher Krankenstand, unsichere Handelspolitik
Gefragt nach den größten aktuellen Problemen – neben den Dauerschmerzen durch zu hohe Kosten für Energie, Rohstoffe und Arbeit sowie die bürokratische Belastung – nennen die Betriebe derzeit drei Themen: Bei 58 Prozent haben fehlende Aufträge starke Auswirkungen auf den Betriebsablauf. Die Kapazitäten sind deshalb in vielen Bereichen zu schwach ausgelastet, um wirtschaftlich arbeiten zu können.
An zweiter Stelle der akuten Probleme steht bereits der hohe Krankenstand. In mehr als jedem dritten Betrieb (36 Prozent) hat dieser derzeit starke Auswirkungen auf das Geschäft. Und ebenfalls jeder dritte Standort (32 Prozent) ist direkt stark betroffen durch die handelspolitischen Konflikte, steigende Zölle und die Unsicherheit aufgrund der geopolitischen Spannungen. Damit fehlt in weiten Teilen der Branche die nötige Sicherheit, um zu investieren und an eine kurzfristige Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu glauben.
Prognose 2026: Party ohne Chemie
Die große Unsicherheit spiegelt sich auch in den schwankenden Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung im angefangenen Jahr wider. Nachdem sich im Herbst 2025 zunächst ein zarter Optimismus verbreitete, hat dieser zuletzt schon wieder Dämpfer erhalten. Für die deutsche Volkswirtschaft wurden entsprechend der wechselnden Stimmung mal Wachstumsraten von leicht über und mal etwas unter einem Prozent erwartet. Während der Internationale Währungsfonds seine Prognose für Deutschland Anfang 2026 um 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent anhob, senkte die Bundesregierung ihre Erwartung und geht jetzt von 1,0 Prozent Wachstum aus. Dabei entsteht in allen Vorhersagen ein Zuwachs von etwa 0,3 Prozentpunkten allein schon durch die höhere Zahl der Arbeitstage in 2026. Das tatsächliche kalenderbereinigte Wachstum liegt also noch einmal deutlich niedriger.
Unabhängig von den wechselnden Prognosen für die deutsche Wirtschaft insgesamt sind die Erwartungen für Chemie und Pharma aber eindeutig: der Verband der Chemischen Industrie (VCI) geht von einer Stagnation der Produktion bei noch einmal leicht sinkenden Umsätzen für 2026 aus. Und die Hessische Landesbank überschrieb ihre Branchenanalyse Anfang des Jahres mit „Chemie: Nicht auf die Party eingeladen“.
Auch die BAVC-Konjunkturbefragung ergab bei 38 Prozent der Betriebe, dass sich ihre Situation im laufenden Jahr noch einmal verschlechtern wird. Ähnlich viele, 42 Prozent, erwarten eine Stagnation und nur etwa jeder fünfte Betrieb (21 Prozent) geht von einer zumindest leichten Besserung aus.





