Legal Tech:
Freund oder Feind der Juristen?

Der Einsatz von digitaler Technologie in der Rechtsberatung bietet Chancen für Mandanten und Juristen. Mandanten erhalten besseren Zugang zum Recht, die anwaltlichen Dienstleistungen werden optimiert. Auf lange Sicht dürften Legal Tech-Anwendungen aber auch zu einer Neuordnung des Berufsstandes führen.

Kurzfristig überschätzt, langfristig unterschätzt

Was schon für frühere Technologiesprünge und gegenwärtig auch für andere Bereiche der Digitalisierung gilt, bewahrheitet sich auch bei Legal Tech: Die tatsächlichen Auswirkungen werden kurzfristig überschätzt, aber langfristig unterschätzt, wie schon der Zukunftsforscher Roy Amara (1925-2007) erkannt hat. Juristen werden nicht von heute auf morgen durch neue Software-Tools oder eine künstliche Intelligenz (KI) abgelöst. Mittel- bis langfristig wird sich allerdings die Art und Weise, wie eine Rechtsdienstleistung erbracht wird, fundamental ändern. Auch Verbände, die juristische Dienstleistungen anbieten, müssen sich neu aufstellen.

Längst bieten Legal Techs, das sind Start-ups auf dem Gebiet der Rechtsdienstleistung, im Internet schnell und unkompliziert ihre Dienste an. Häufig wenn es darum geht, Gruppeninteressen durchzusetzen - zum Beispiel bei Entschädigungen für Flugverspätungen oder Verstößen im Straßenverkehr. Manche Kanzleien haben ihr Beratungsangebot bereits um ausgewählte Legal Tech-Anwendungen ergänzt: Sie beraten über eigene Online-Portale, bewerten rechtliche Risiken über textbasierte Dialogsysteme oder nutzen Chatbots.

Anwendungsfelder von Legal Tech

Im Informationszeitalter sind Organisationen mehr denn je auf Inhalte angewiesen. Viel zu oft haben sich bei der Bearbeitung von Kundendaten, Verträgen und Textdateien ineffiziente Abläufe etabliert: Heute noch bearbeiten viele Kanzleien die Metadaten tausender Verträge per Hand. Diese repetitiven Aufgaben halten menschliche Teams oft von ihrer eigentlichen Arbeit ab. Will man die Tragweite von Legal Tech verstehen, lohnt ein genauerer Blick auf die unterschiedlichen Anwendungsfelder. Die Services der Legal Tech-Unternehmen lassen sich drei Gruppen zuordnen:

1. Automatisierung von Kanzleiprozessen:
Software-Lösungen, die eine effiziente Kanzleiorganisation ermöglichen, Anwälte in der Terminplanung unterstützen, bei der Aktenverwaltung helfen oder Transparenz bei Honorarabrechnungen schaffen. Dokumentenmanagement-Systeme erkennen und durchsuchen Schriftsätze oder Verträge. Zunehmend in der Diskussion sind vor allem Algorithmen, die umfangreiche Rechtsdokumente wie etwa Patente analysieren oder wichtige Informationen aus enormen Datenbanken filtern.

2. Vernetzung von Anwälten mit Mandanten:
Plattformen, die den Kontakt zwischen Mandant und Anwalt herstellen und über die Anwälte auch Rechtsrat, oft zum Festpreis, anbieten. Rechtsuchende können also bequem zu jeder Tageszeit von zu Hause aus anwaltliche Beratung einkaufen - wie sie es von Amazon, Ebay & Co. kennen. Weitere Plattformen bieten Dienstleistungspakete an, für die Anwälte und anwaltliche Dienstleistungen auch projektbezogen vermittelt werden. Hinzu kommen Anwendungen, die Juristen untereinander vernetzen - mitunter weltweit, um Hilfestellung bei internationalen Rechtsfragen zu geben.

Diese Software-Lösungen sind alles andere als neu und in vielen Kanzleien, Unternehmen und Verbänden heute schon im Einsatz. Dass Legal Tech seit geraumer Zeit dennoch für Verunsicherung unter Juristen sorgt, liegt vor allem an IT-Diensten der folgenden Kategorie, die dem Anwalt längst nicht nur assistieren, sondern zunehmend auch seine juristische Arbeit und Kommunikation übernehmen:

3. Automatisierung von Rechtsdienstleistungen:
Angebote, die Rechtsdienstleistungen in weiten Teilen ohne anwaltliches Zutun selbst erledigen. Mandanten werden in die Lage versetzt, individualisierte Rechtsdokumente eigenständig im Netz zu erstellen, indem sie etwa einen strukturierten Frage-Antwort-Dialog durchlaufen. Aber auch Juristen können sich diese Technologie zunutze machen: Neue Verträge können sie dank vorgefertigter Textbausteine und künstlicher Intelligenz leichter erstellen als früher. Indem sie auf teilautomatisierte Verträge zurückgreifen, können sie das Fehlerrisiko minimieren und die Effizienz und den Output steigern.

Hinzu kommen Legal Techs, die es ermöglichen, die Bearbeitung juristisch-administrativer Routineaufgaben oder gar eine komplette betriebliche Rechtsabteilung auszulagern. Gerade diese Entwicklung dürfte Unternehmen wie Verbände sehr kritisch stimmen.

Die Technologie gilt als disruptiv und Experten gehen davon aus, dass Algorithmen in absehbarer Zeit nahezu alle Einzelschritte übernehmen können - von der Sachverhaltsaufklärung über die Erstellung juristischer Dokumente bis hin zur abschließenden Klärung eines Rechtsstreits.

Die Frage, ob die zunehmende Technologisierung im Anwaltswesen Fluch oder Segen, Freund oder Feind bedeutet, bleibt offen. Wie so oft dürfte die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen. Kurz- bis mittelfristig werden Algorithmen und künstliche Intelligenz menschliche Teams nicht ersetzen, sondern unterstützen und sinnvoll ergänzen können. Richtig eingesetzt übernimmt die Maschine dann repetitive Aufgaben und der Mensch gewinnt Zeit für kreative und intuitive Problemlösung sowie strategische Planung.

Was bedeutet das nun für Verbände und Unternehmen?

Das Wichtigste vorab: Der Niedergang des juristischen Berufsstandes steht in naher Zukunft nicht zu befürchten. Dennoch wird sich der Markt für Rechtsdienstleistungen sukzessive ändern - egal ob sie in einer Kanzlei, in einem Unternehmen oder Verband erbracht werden. Praktizierende und angehende Juristen sollten die Entwicklungen des Legal Tech-Marktes daher sehr ernst nehmen.

Legal Tech kann dabei als Chance begriffen werden, die juristische Arbeit weiter zu spezialisieren, um sie im Wettstreit mit konkurrierenden Berater-Netzwerken, Community-Plattformen und Wissensdatenbanken zu stärken. Verbände und Unternehmen sollten genau wie Anwaltskanzleien prüfen, welche Prozesse im eigenen Haus mithilfe passender Legal Tech-Anwendungen optimiert werden können, welche vielleicht auch nicht.

BAVC-Hauptgeschäftsführer Klaus-Peter Stiller: 'Wir sollten diese Herausforderung für die Rechtsabteilungen und Syndikusanwälte in Unternehmen und Verbänden gemeinsam angehen und analysieren, wo Legal Tech uns helfen kann, die Schlagkraft und Servicequalität von Arbeitgeberverbänden in einer modernen Wirtschaft zu erhöhen.'

Denn: Die sich digitalisierende Chemie-Branche wird mehr denn je angewiesen sein auf starke Interessenvertreter wie die Arbeitgeberverbände - als Bewahrer des gebündelten Wissens ihrer Mitglieder, als relevante Informationsdienstleister, als innovative Gestalter und zuverlässige Koordinatoren.

 

Lesetipp:
Die Digitalisierung verändert, wie wir leben und wie wir arbeiten. Worauf wir uns einstellen und wie wir uns vorbereiten können, erklärt Zukunftsforscher Lars Thomsen #DCDA www.chemie-arbeitgeber.de



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