Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit:
Wandlungskünstler Mensch

Es ist gar nicht lange her, da erregte der Branchenverband Bitkom mit seiner Prognose Aufsehen, dass die Digitalisierung in Deutschland bis 2022 etwa 3,4 Millionen Arbeitsplätze kosten könnte. Schon 2013 warnten Forscher der Universität Oxford, in den USA sei in den nächsten zehn bis 20 Jahren fast jeder zweite Beruf leicht durch lernende Maschinen zu ersetzen. Doch stimmt das? Aktuelle Studien zeichnen inzwischen ein anderes Bild. 

Ökonomen der OECD, das Mannheimer Forschungsinstitut ZEW oder die Arbeitsmarktforscher des IAB zeigen optimistischere Zukunftsszenarien auf. Demnach wird die Digitalisierung nicht nur Tätigkeiten ersetzen, sondern auch neue Arbeitsplätze schaffen - vielleicht sogar mehr als wegfallen.

Studien liefern unterschiedliche Prognosen

Die Untersuchungen schätzen das Risiko des Beschäftigungsrückgangs sehr unterschiedlich ein. Die Methoden und Prognosezeiträume sind häufig nur begrenzt vergleichbar. Die Studienergebnisse erfordern daher eine vorsichtige Interpretation. Eine Erkenntnis verbindet alle genannten Studien: Die Prognosen zeigen deutliche Unterschiede hinsichtlich der Tätigkeitsprofile und Branchen auf.

Für den deutschen Chemie-Standort sind die Aussichten zunehmend positiv. Obwohl die Chemie als eine Branche mit einem relativ hohen Digitalisierungs- und Automatisierungsgrad gilt, sehen einige Institute durchaus Chancen für einen weiteren Beschäftigungsaufbau in Deutschlands drittgrößter Branche.

Faktor 'Standort'

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) prognostizierte unlängst, dass der Einsatz neuer Technologien etwa die Hälfte aller Arbeitsplätze in ihren Mitgliedstaaten ganz oder teilweise verändern wird. Anders als in der Oxford-Studie werden aber nur etwa 14 Prozent der untersuchten Jobs als „hoch automatisierbar“ eingestuft. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Arbeit in Zukunft von Robotern oder Algorithmen übernommen wird, liegt in diesen Fällen bei über 70 Prozent. Diese Entwicklung werde nicht alle Länder gleichermaßen treffen: Nördliche OECD-Länder seien im Allgemeinen besser für den digitalen Wandel der Arbeitswelt gewappnet als südliche; Wohlstandsunterschiede seien dabei nicht immer ausschlaggebend. Bezogen auf alle untersuchten Mitgliedstaaten weist die OECD zudem darauf hin, dass die Automatisierung von Jobs nicht zwangsläufig höhere Arbeitslosigkeit bedeuten muss. Durch den verstärkten Einsatz neuer Technologien entstünden neue Arbeiten und Prozesse, Menschen fänden Anstellung in anderen Bereichen, die zunehmend nachgefragt sind.

Faktor 'Branche'

Auch aktuelle Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) belegen das: In einer bis 2035 voll digitalisierten Arbeitswelt könnten in Deutschland zwar fast 1,5 Millionen Jobs wegfallen. Gleichzeitig würden aber ähnlich viele Arbeitsplätze neu entstehen. Diese neue Arbeitswelt würde sich allerdings hinsichtlich ihrer Branchen-, Berufs- und Anforderungsstruktur deutlich von der heutigen unterscheiden. Bezogen auf die Zahl der Erwerbstätigen sei mittel- bis langfristig vor allem das produzierende Gewerbe von einem Beschäftigungsabbau infolge der Digitalisierung betroffen. Bis 2035 prognostizieren die Institute im „sonstigen verarbeitenden Gewerbe“ (darunter die Chemie-Branche) ein Minus von 2,4 Prozent.

Leicht positive Beschäftigungseffekte in der Chemie erwartet dagegen das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Im Auftrag der Bundesregierung hat das ZEW erforscht, wie sich Investitionen in intelligente vernetzte Maschinen auf die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland auswirken. Ergebnis der Studie: Computer schaffen mehr Jobs, als sie vernichten. Für die Gesamtbeschäftigung rechnen die Forscher im Zeitraum von 2016 bis 2021 mit einem Zuwachs von etwa 1,8 Prozent. Der Beschäftigungszuwachs in der Elektronikbranche, dem Fahrzeugbau und dem sonstigen verarbeitenden Gewerbe, dem auch die Chemie zuzuordnen ist, sei damit zu erklären, dass diese Sektoren selbst computergestützte Technologien herstellen, die immer größere Verbreitung finden.

Mit anderen Worten: Computer haben schon in der Vergangenheit und werden auch in Zukunft viele Tätigkeiten übernehmen, weil sie bestimmte Aufgaben besser und günstiger ausführen können als Menschen. Die Jobbilanz der Digitalisierung kann aber trotzdem positiv sein. Denn: Die durch den Einsatz neuer Technologien erzielten Produktivitätsgewinne können neue Investitionen ermöglichen und zugleich weitere Prozesse in Gang setzen, die sich positiv auf die Zahl der Beschäftigten auswirken.

Gefragte Kompetenzen

Alle zitierten Studien verbindet die Annahme, dass die Digitalisierung die Arbeitswelt grundlegend verändern wird. Branchen und Standorte sehen sich dabei mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Die Digitalisierung wird die Arbeitsgesellschaft nicht abschaffen, nicht einmal den Bedarf an Erwerbsarbeit mindern. Aber sie wird viele heutige Beschäftigte herausfordern, sich neue Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Durch Automation und Digitalisierung werden vor allem manuelle und kognitive Routinetätigkeiten ersetzt. Berufe hingegen, die eine hohe soziale Intelligenz erfordern, in einem komplexen Umfeld ausgeführt werden und besondere analytische und interaktive Fähigkeiten voraussetzen, werden an Bedeutung gewinnen.

 

Standpunkt
BAVC-Präsident Kai Beckmann


„Die Studien zu den Arbeitsmarktperspektiven in Zeiten der Digitalisierung zeigen uns, auf welche Kompetenzen und Fähigkeiten es in Zukunft ankommt: Intuition, Kreativität, analytisches und strategisches Denken. Sie machen den Menschen einzigartig. Maschinen sind noch weit davon entfernt, diese Fähigkeiten zu adaptieren. Sie können uns aber unterstützen, bei Routineaufgaben entlasten und so Freiraum schaffen für Innovation.“

 

Hintergrund
Die Zukunftsprognosen verbindet der Ansatz, die Zukunft der Arbeit daraus abzuleiten, was Computer leisten und wo sie bis dato an ihre Grenzen stoßen. (Frey und Osborne, April 2018)

Die Studien

IAB-Kurzbericht, April 2018
bit.ly/2IupIvu

ZEW-Studie, April 2018
bit.ly/2GZub4w

OECD-Studie, März 2018
bit.ly/2Ixe4fz

Bitkom-Umfrage, November 2017
bit.ly/2kdyClN

Oxford-Studie, September 2013
bit.ly/2FaYU1R



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