MINT-Report: Fachkräftemangel adé?
Gegen alle Intuition: Die deutsche Wirtschaft leidet unter Fachkräftemangel. Klar, durch die Wirtschaftskrise wird vielerorts weniger Personal benötigt oder sogar freigesetzt. Gerade die deutsche Industrie weiß hiervon ein trauriges Lied zu singen. Richtig ist aber auch: Der demografische Wandel schlägt immer stärker durch, und die Transformation hin zu wettbewerbsfähigen Geschäftsmodellen braucht kluge Köpfe und fleißige Hände. Doch welche? Wo genau drückt der Fachkräfte-Schuh?
MINT-Skills bleiben knapp
Ganz besonders bei den MINT-Berufen. Darauf weist der jüngst erschiene MINT-Frühjahrsreport hin, der zweimal jährlich vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erstellt wird. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:
- Laut Report bilden die MINT-Facharbeiterberufe mit rund 77.400 Personen im März 2026 die größte Engpassgruppe, gefolgt von rund 44.200 Personen in den sogenannten MINT-Expertenberufen (Akademiker) sowie rund 12.300 im Bereich der Spezialisten bzw. Meister- und Technikberufe. Besonders betroffen ist also genau der Bereich, wo die berufliche Bildung einen Fachkräfte-Beitrag leisten kann.
- Unterscheidet man nach Berufsfeldern, bestehen die größten Engpässe in Energie- und Elektroberufen (rund 48.900), in den Berufen der Metallverarbeitung (26.500), in den Bauberufen (26.400) sowie in den Berufen der Maschinen- und Fahrzeugtechnik (22.900).
- Die Engpasssituation wird sich weiter verschärfen, da demografiebedingt im Jahr 2034 rund 138.600 MINT-Beschäftigte weniger am Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Engpässe bei Technik/Instandhaltung und Produktion
Für die chemisch-pharmazeutische Industrie, bekanntermaßen eine MINT-Branche, hat das IW bereits im August letzten Jahres den Fachkräftecheck Chemie vorgelegt. Hier die zentralen Ergebnisse:
- In den für die Branche relevanten Berufen bestehen die Fachkräfteengpässe fort. Im Jahresdurchschnitt 2024 etwa gab es hier mehr als 71.000 offene Stellen, die nicht mit passend qualifizierten Arbeitssuchenden besetzt werden konnten.
- Besonders groß sind die Engpässe im Berufsfeld Technik und Instandhaltung. In Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie konnten dort zuletzt mehr als 2.000 offene Stellen nicht besetzt werden.
- Ebenfalls von Engpässen betroffen ist das Berufsfeld Produktion. In Unternehmen der Kunststoff- und Kautschukherstellung konnten zuletzt mehr als 1.000 offene Stellen nicht besetzt werden. Die Fachkräftelücke in Unternehmen, die chemische bzw. pharmazeutische Erzeugnisse herstellen, fällt in den relevanten Produktionsberufen geringer aus (knapp 500 nicht besetzbare Stellen).
Beides ist richtig: Fachkräftemangel und -überhänge
Zu behaupten, der Fachkräftemangel habe sich infolge der Wirtschaftskrise oder auch der Digitalisierung inklusive KI erledigt, ist also schlicht falsch. Vielmehr gilt: Es bestehen Engpässe, differenziert nach Branchen, Berufen, Region oder Unternehmen(sgröße). Diese gilt es zu beheben, schließlich hängt die Innovations- und damit Zukunftsfähigkeit der Unternehmen wesentlich von der richtigen Man- und Womanpower ab. Gleichzeitig sind Umstrukturierungen und Personalabbaumaßnahmen zurzeit unvermeidbar – gerade die deutsche Chemie steht massiv unter Druck. Es findet somit beides gleichzeitig statt: die Suche nach neuen Talenten und Maßnahmen, um Prozesse, Organisation und Ressourceneinsatz effizienter zu gestalten.
Manche nennen das: Fachkräfteparadox. Ich nenne das mit Blick auf die Unternehmen unserer Branche: eine personalpolitische Herkulesaufgabe.





